Kein Friede auf dem Weg der Sicherheit
privat

Friede sei mit Euch!

Ja, Friede sei mit Euch. Wie oft hat Jesus seine Leute mit diesen Worten begrüßt! Hat ihnen die Angst genommen, vor Verfolgung, vor Verurteilung, vor Verzweiflung. Sein Friede sei mit uns, hier und heute, mitten in unseren Ängsten, unserer Verzweiflung. Friede sei mit uns.

Friede mit denen, die Angst vor uns haben
Friede sei auch mit denen, die Angst haben vor uns. Du fragst Dich, warum denn jemand Angst haben sollte vor uns? Ja, das ist immer schwer selbst zu beantworten. Doch frag mal einen Familienvater im Ost-Kongo, dessen Haus geplündert und dessen Frau vor seinen Augen vergewaltigt wurde – und er konnte nichts tun, denn die Angreifer bedrohten die Familie mit Waffen, produziert in und exportiert aus Deutschland. Frag eine junge Näherin in Bangladesch, die von ihrem Lohn für die Kleidung, die Du heute trägst, ihr Kind nicht ernähren kann. Frag Deine neuen jungen Nachbarn aus Eritrea, die auf der Straße feindlichen Blicken begegnen und Ausgrenzung, Hass und Gewalt.
Auch ihre Angst und ihre Verzweiflung haben reale Gründe. Friede sei mit ihnen und mit uns.

Es ist Advent, die Zeit in der wir auf Gott warten. Denn Gott hat uns versprochen „Ich komme. Ich will die Welt erlösen. Ich komme“.

Doch wie kommt Gott?
Davon erzählt uns der Prophet Jesaja. Ich lese aus Kapitel 9 die Verse 1-5:
1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, GottHeld, Ewig-Vater, Friede-Fürst.

So kommt Gott nicht!
Zuerst einmal: Gott kommt in finstere Zeiten, in finstere Lande. Gott kommt in unsere Dunkelheit, in unsere Gewalt, in unsere Ausbeutungsstrukturen und in unseren Rassismus. Er kommt zu uns, wenn wir am Unrecht zugrunde zu gehen drohen. Er kommt zu uns, wenn wir uns gegen das Unrecht auflehnen. Er kommt auch zu uns, wenn wir am Unrecht dreist verdienen.
Sein Kommen in unser finsteres Land löst Jubel aus und Freude – so sagt es der Prophet Jesaja voraus. Wie kommt das? Wollen nicht die Einen lieber im Dunklen bleiben? Und wird nicht das Licht, das die Finsternis erhellt, das Unrecht zu Tage bringen und die große Abrechnung beginnt? Nein, es wird ganz anders kommen. Gott wird ganz anders kommen.
Hab keine Angst. Fürchte dich nicht. Es werden keine Heerscharen durch die Städte ziehen. Gott kommt nicht so, wie wir einmal dachten, dass der Russe käme. Es werden keine dröhnenden Schritte vor deiner Tür Halt machen. Deine Töchter sind bei Gottes Kommen nicht bedroht. Es wird uns auch nicht ergehen wie unseren jüdischen Nachbarsfamilien vor 80 Jahren, die Angst haben mussten, des Nachts deportiert zu werden in den sicheren Tod. So kommt Gott nicht.
Doch dieses unser Land ist finster und Stiefel dröhnen auf den Straßen. Nazigebrüll begleitet die Schläge auf dem Pflaster und dazu unverhohlener Sexismus und Rassismus im Internet und im politischen Diskurs.
Und auch heute Nacht wird irgendwo in Deutschland um 4 Uhr nachts ein Streifenwagen vor einem Asylbewerberheim angehalten und Kindern und ihren Eltern großen Schrecken eingejagt haben. So kommt Gott nicht!

Gott wird Mensch, nicht Oberlehrer, nicht Supernanny
Nein, es wird ganz anders kommen. Gott kommt ganz anders. Das Joch und der Stecken, also die Waffen der Versklavung und der wirtschaftlichen Ausbeutung, werden zerbrechen. Ihre Blutspuren werden im Feuer vergehen. Die Arbeit wird ohne Stecken und Joch leichter von der Hand gehen und die reiche Ernte wird unter Jubel gerecht geteilt.
Hast Du ein Bild im Kopf, eine Idee davon, wie soziale Gerechtigkeit hier bei uns im Land und auf der ganzen Welt entstehen kann? Durch die Politik der Etablierten, die dabei nur zu verlieren haben, geschieht das sicher nicht. Die Alleinerziehenden und alle, die nach getaner Arbeit immer noch mit Hartz IV aufstocken müssen, wie kommen sie zu ihrem Recht, zu ihrem Frieden? Die Kinder, die in Armut aufwachsen, und die alten Frauen mit viel zu kleiner Rente, wie kommen sie zu ihrem Recht, zu ihrem Frieden? Wer erbarmt sich der Tausenden von Migrant_innen, die mit ihren Kindern aus Lateinamerika aufgebrochen sind aus Arbeitslosigkeit und Hungerlöhnen und nun vor einer Grenze stehen, an der sie von Präsident Trump mit Erschießung bedroht werden? Danke an Kolumbien, ein Land gebeutelt vom Bürgerkrieg, das nichtsdestotrotz jede schwangere Frau versorgt, auch wenn sie aus dem benachbarten Venezuela kommt, wo es diese medizinische Fürsorge nicht mehr gibt. Ein Diktator hat dort die Wirtschaft des Landes zerstört und das Gemeinwohl ruiniert.
Welche Kompetenzen braucht unsere Gesellschaft, damit Mauern und Zäune fallen, damit niemand ausgeschlossen bleibt? Wie kann es uns gelingen, auch auf die Kleinsten zu schauen und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen? Wie wird es bei uns hell? Wird denn Gott kommen und uns zeigen, wie es geht? Ja und nein.
Gott ruft uns zur Liebe, zur Fürsorge, zum Frieden, indem er den totalen Rollenwechsel macht. Gott wird Mensch, und nicht Oberlehrer und nicht Super-Nanny. Gott wird Baby. Nicht Königskind hineingeboren in einen Palast voll Wohlstand und Schutz. Nein, Gott kommt zu den Menschen als Kind einer wirklich sehr jungen Frau, geboren unterwegs ohne Herberge, verfolgt und bedroht.
Wir feiern jedes Jahr Advent, doch sind wir wirklich darauf vorbereitet, dass Gott so kommt?

500 Jahre Kolonialherrschaft in Deutschland
Letzten Monat war ich auf einer Dienstreise in Bolivien. Das Land hat 500 Jahre Kolonialismus hinter sich und erst seit 10 Jahren eine neue Verfassung und einen ersten Präsidenten, dessen Vorfahren wirklich von dort stammen. Stell Dir das mal für Deutschland vor. Statt Reformation vor 500 Jahren eine Eroberung durch Söldner eines fremden Herrschers. Ausbeutung von Mensch und Natur, 500 Jahre lang. Unsere Sprache, das schöne Luther-Deutsch: verboten im öffentlichen Raum. Nur die Oma sänge ihren Enkelkindern deutsche Schlaflieder. All unsere Arbeitsleistung käme Anderen zugute und eine Gesetzgebung würde sicherstellen, dass das auf immer so bleibt. Wir können uns das wohl nicht vorstellen, denn Deutschland war niemals Kolonie. Deutsche waren allzu oft auf der Seite der Angreifer, der Eroberer, der Todbringenden. Denkst Du an die beiden Weltkriege, und den Holocaust?
Richtig! Und vergiss nicht die Überfälle auf große Gebiete in Afrika, die deutsche Kolonien wurden. Genozid an den Herero und Namara inklusive.

Ein Kind braucht Antibiotika
Ich war in Bolivien für EIRENE unterwegs. Das Wort EIRENE ist griechisch, es wird im Neuen Testament für Frieden gebraucht. Die Organisation EIRENE ist ein internationaler christlicher Friedensdienst mit Sitz in Neuwied. In Bolivien nun macht EIRENE Friedensarbeit mit fünf Partnerorganisationen. Zusammen kämpfen wir mit Landfrauen für deren Beteiligung an gesellschaftlichen Konfliktlösungen. Wir fördern Dialogprozesse zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Wir schützen Kinder vor sexualisierter Gewalt. Wir unterstützen Schulen dabei, eine ganzheitliche Erziehung zum Frieden umzusetzen.
An einem Abend, es wurde schon dunkel, war ich mit einer bolivianischen Kollegin unterwegs. Sie wollte sich bei einer Straßenverkäuferin etwas Süßes kaufen. Diese hatte ein Kind auf dem Rücken, und wie wir es alle bei einem Kind so machen, wir schauten hin, als es Geräusche machte. Es sah krank aus. Meine Kollegin fragte nach. Ja, das Kind sei krank, das hat der Arzt im Krankenhaus auch gesagt und ein Rezept geschrieben. Aber er hat nicht erklärt, wo die Mutter es ohne Geld einlösen kann. Wir waren weit vom Krankenhaus, zu weit, um zu Fuß mit den Waren und dem Kind auf dem Rücken den Weg zu bestehen.
Meine Kollegin ließ sich das Rezept zeigen. Ein Antibiotikum und Paracetamol. Sie nahm uns alle mit in die nächste Apotheke, nur ein paar Schritte weiter. Die Mutter legte das Kind in seinen Decken auf den Boden. Auch die Apothekerin schaute hin. Sie machte die Medizin fertig und erläuterte genau die Anwendung. Sie schrieb die Mengen und Zeiten in großer, klarer Schrift auf die Verpackungen. Ich durfte auch was tun, nämlich das Antibiotikum-Pulver mit etwas Wasser vermengen und das Fläschchen so lange schütteln, bis alles eine zähflüssige rosa Masse war. Meine Kollegin zahlte, umgerechnet 3 Euro. Wir durften auch eine Wasserflasche mit dem sauberen Wasser der Apotheke auffüllen. Die anderen Kundinnen und Kunden schauten mit Bedacht, dass sie das Kind auf dem Boden und uns alle, die wir daneben knieten, nicht behinderten.
Dann brachen wir wieder auf, gingen zurück, wo die große Schwester derweil auf die Waren aufgepasst hatte. Sie bekam eine ganz wichtige Aufgabe, denn sie konnte anders als ihre Mutter lesen. Meine Kollegin zeigte ihr die Angaben der Apothekerin. Das Mädchen war vielleicht zehn Jahre alt und man merkte, dass sie verstand, dass das Leben ihres Bruders von ihrem Verstehen und zuverlässigem Tun abhängen würde.

Warum erzähle ich das? Ich erzähle das, weil ein kleines Kind auf Erwachsene wirkt. Ein kleines Kind weckt in uns den Impuls der Zuwendung, der Liebe und Fürsorge. Wir Großen brachten diesmal zwar weder Gold, Weihrauch noch Myrrhe, sondern sauberes Wasser, 3 Euro und Medizin. Doch genauso wie die Weisen aus dem Morgenland knieten wir nieder und hatten Augen für nichts anderes um uns herum als das Kind.
So also kommt Gott: ein Kind ist uns geboren. In uns wächst die Liebe, die Hoffnung, die Fürsorge. So also geschieht die Erlösung der Welt von aller Gewalt, von Unrecht und Not. So wird Frieden. Was für eine Geschichte! Können wir ihr vertrauen?

Eine Welt ohne Waffen
Immer wieder werde ich gefragt, ob ich wirklich denke, dass man der Gewalt dieser Welt ohne Waffen, ohne Gewalt entgegentreten sollte.
Ist das nicht naiv? Fahrlässig? Unwirksam? Es gibt politisch denkende Menschen, die behaupten, dass man – im Endeffekt – nur der eigenen Rüstung, der eigenen Gewaltanwendung trauen darf.
Ich glaube das nicht. Ja, ich halte das für politisch äußerst gefährlich. Denn Gewaltanwendung auch mit der besten Absicht zerstört und verletzt. Sie schürt Feindschaft. Sie führt uns weiter weg vom Verhandlungstisch. Annäherung wird nach Gewaltanwendung schwieriger, nicht einfacher. Das ist für mich keine Theorie, sondern die gerüttelte und geschüttelte Erfahrung von 20 Jahren internationaler Friedenspraxis. Andere haben dies vor mir erlebt und verstanden.
Bonhoeffer drückte es so aus: Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Frieden muss gewagt werden.
Doch die politische Wirksamkeit ist nicht der einzige Grund, warum ich mich für Gewaltfreiheit engagiere. Der tiefe Grund ist Vertrauen. Ich vertraue auf diese Geschichte, in der der Erlöser der Welt als Kind zu uns kommt. Ich glaube, dass nicht die Gewalt, sondern die Gewaltfreiheit erlöst. Und anscheinend glaubt Gott das auch. Was für ein Vertrauen hatte er in uns Menschen! Was hätte da alles schief gehen können? Wie hoch mag wohl die Säuglingssterblichkeit gewesen sein damals, im Winter auf der Flucht? Gott vertraut sich ganz und gar den Menschen an. Und genau dies ist unsere Erlösung. Seine Hingabe ist das Gegenteil von Gewaltanwendung, von Finsternis, Joch und Stecken, dröhnendem Stiefel und blutverschmiertem Mantel. Gottes Hingabe begründet mein Eintreten für Gewaltfreiheit. Jedes Mal.
Wie sieht nun ein Leben in Nachfolge aus, welches Gott als verletzliches Kind vor Augen hat? Wie gestalten wir unser Gemeinwesen, wenn Gott der Niedrigste von uns allen ist? Welche Politik braucht das? Vieles geht dann gar nicht mehr: Hass, Gier und Gewalt, und alle Politik, die darauf baut. Menschenfeindlichkeit kann nicht Teil einer Politik der Nachfolge sein. Frauenfeindlichkeit geht nicht. Fremdenfeindlichkeit auch nicht. Überhaupt: Machtspiele aller Art bis hin zu Wettrüstung und Vernichtung.
Anderes braucht einen neuen Fokus: Wirtschaften ja, aber radikal für das Leben, achtsam gegenüber der Umwelt und bewahrend für die kommenden Generationen. Recht und Gerechtigkeit ja unbedingt und insbesondere für die Schwachen. Ordnung und Gesetz ja, doch ganz anders: Es darf nicht darum gehen, dass die, die oben auf sind, ihre Privilegien auf Kosten deren absichern, die sowieso schon unten sind.
Und niemand mit politischer Verantwortung soll mehr denken, dass Sexismus und Rassismus ganz normal seien.

Geht in die Knie – die Basis aller Friedenspolitik
So wie ein Baby schreit und seine Erwachsenen zu Hilfe ruft, so ruft mich in meinem tiefsten Herzensinneren das Kind in der Krippe. Es ist ein Ruf, der mich persönlich anspricht. Es geht um mich, meine Beziehung zu Gott, mein Leben hier und in Ewigkeit. Und gleichzeitig ist der Ruf politisch: Kommt her zur Krippe, schaut, lernt lieben und sorgen.
Geht in die Knie und wechselt die Perspektive. Das ist die neue Orientierung, die Basis aller Friedenspolitik.
Wir wissen: Das Kind wird größer, wird erwachsen. Doch niemals legt Gott als Mensch seine Verletzlichkeit ab. Er vertraut darauf, dass die Erlösung der Welt in Liebe, Fürsorge und Hingabe geschieht. Darauf will auch ich vertrauen. Mit Zacharias will ich loben: Unser Gott hat ein Herz voll Erbarmen. Darum kommt uns das Licht aus der Höhe zur Hilfe. Es leuchtet denen, die im Dunkeln und im Schatten des Todes leben. Es lenkt unsere Füße auf den Weg des Friedens. Amen.

Diese Kanzelrede hielt Dr. Anthea Bethge am 3. Adventssonntag, 16.12.2018, in der Christuskirche.
Bethge ist Geschäftsführerin des Internationalen Christlichen Friedensdienstes Eirene.