Frieden fängt beim Frühstück an
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Liebe Gemeinde,
„Friede sei mit Dir.“ In diesen ersten Wochen des Jahres werden Sie sich in Ihren Gottesdiensten mit dem „Frieden“ beschäftigen. „Friede sei mit Dir“, so lautet Ihre Reihe mit Predigten und Kanzelreden. In diesem noch jungen Jahr bringt uns die Jahreslosung mit dem Thema Frieden in Berührung.
Sie stammt aus einem Gebet Israels: dem 34. Psalm. Im 15. Vers heißt es: Lass ab vom Bösen und tue Gutes. Und der zweite Teil dieses Vers ist dann die Jahreslosung: Suche Frieden und jage ihm nach.

Suchen und Jagen
Ich möchte zunächst noch nicht mit ihnen über „Frieden“ nachdenken, sondern über das Suchen und das Jagen.
Suchen – wann haben sie zum letzten Mal etwas gesucht? Ich?… mein Portemonnaie! Mein Portemonnaie. Es liegt nicht dort, wo es sonst immer liegt. Ich muss zur Bahn. Sie fährt in fünf Minuten. Ich habe den Mantel schon an. Die Tasche ist gepackt. Aber wo ist dieses ‚blöde‘ Portemonnaie. Ohne fahren kann ich auch nicht. Die Monatskarte für die Bahn befindet sich im Portemonnaie. Die Uhr ist schon wieder weiter gesprungen. Ich suche überall im Haus. Renne noch mal nach oben. Frage mich, wo ich das Portemonnaie das letzte Mal gesehen habe? Habe ich es gestern im Büroschrank vergessen? … Ich suche mein Portemonnaie …. Stopp … Wie hoch ist ihr Blutdruck? Wie schnell schlägt Ihr Puls bei dieser Suche?

Wie schnell schlägt der Puls? Wie hoch ist der Blutdruck beim Thema Frieden? Suche den Frieden! Suche Frieden und jage ihm nach. Beim Frieden geht es nicht nur um eine gelassene Friedfertigkeit, sondern darum den Frieden aktiv zu suchen, ihn anzustreben, sich aktiv dafür zu engagieren.

Suche und Jage, heißt es in der Übersetzung Luthers. Suche den Frieden und gehe ihm nach, so übersetzt die Bibel in gerechter Sprache.
Die Seligpreisung Jesu, dem der 34. Psalm sicher bekannt war, ist uns allen vertraut: Selig sind die Friedensstifter, denn sie sollen Gottes Kinder heißen.

Viele erinnern sich an die 80iger Jahre. Die Zeiten der Friedensbewegung. Viele Christinnen und Christen haben sich damals engagiert in der Friedensbewegung. Unter Evangelischen wurde damals gestritten, ob man die Seligpreisung Jesu mit ‚Selig sind die Friedfertigen‘ übersetzen solle. Oder mit ‚Selig sind die Friedensstifter.
Friedfertig – das klingt eher ruhig, gelassen, vielleicht ein bisschen abwartend, eher passiv – auf jeden Fall: jeden Streit vermeiden.
Friedensstifter hingegen – damit verband man ein aktives Engagement für den Frieden.

Bei den beiden hebräischen Verben im 34. Psalm geht es, so schreibt eine Auslegerin um ein „eifriges Hinterhersein“ und um ein „zielstrebiges Drängen“.
Seid eifrig hinter dem Frieden her, sucht ihn, als wäre es euer verlorenes Portemonaie, das ihr jetzt ganz schnell finden müsst. Euer Leben sei ein zielstrebiges Drängen nach Frieden.

Psalm 34 ABC der Lebenshilfe
Wie sieht das aus: Ein solches aktives und eifriges Suchen nach Frieden?
Beim 34. Psalm handelt es sich um eine Art ABC der gläubigen Lebensführung. Jeder Vers des 34. Psalms beginnt mit einem anderen Buchstaben in der Reihenfolge des hebräischen Alphabets. Man kann diesen Psalm lesen wie eine Lebenshilfe für Gläubige. Liest man den gesamten Psalm wird die klare Option Gottes für Gerechtigkeit und für Frieden deutlich.
Die Suche nach Frieden gehört als wichtiges Element in die Lebensordnung eines gottesfürchtigen und gläubigen Menschen.

Frieden fängt beim Frühstück an
Was aber hat es mit dem Frieden auf sich? Ist das nicht etwas für Christinnen und Christen in der Friedensbewegung?
„Frieden fängt beim Frühstück an“, schreibt Hanns Dieter Hüsch.
„Frieden fängt beim Frühstück an. Breitet seine Flügel. Fliegt dann durch die Straßen. Setzt sich auf die Dächer dann. Großer Sehnsuchtsvogel.“
Frieden fängt beim Frühstück an. Das heißt für mich, dass ich den Frieden suche und ihm nachjage in meinem Alltag, zuhause, in die Familien, bei der Arbeit, in Gemeinde und Kirche, im Gespräch mit Freunden und beim Bäcker.
Frieden fängt beim Frühstück an.
Aber was heißt das denn dann konkret, wenn das Lebensordnungs ABC sagt, dass ich immer und überall den Frieden suchen soll?

Frieden suchen heißt Vertrauen
Vertrauen war das geistliche Leitthema unserer diesjährigen Landessynode in Bad Neuenahr. Wir haben viel nachgedacht und gesprochen über das Vertrauen.
Ich glaube, dass derjenige, der den Frieden sucht, aktiv sich darum bemüht, anderen Menschen zu vertrauen.
Wer den Frieden sucht, der vertraut Menschen in ihren Lebenswelten.
Wer den Frieden sucht, vertraut Menschen, die anders leben, die anders essen, die anders glauben, die anders lieben, die in einem anderen Land leben, die einen anderen Pass haben.
Wer den Frieden sucht, der misstraut auch nicht jeder Macht, sondern kann Vertrauen, dass Macht und Einfluss zum Guten eingesetzt werden.
Vertrauen auf die Lebenswelt des Anderen, das heißt auch so weit wie möglich die Lebensgeschichte des Anderen und seine persönliche Entwicklung verstehen wollen und diese zu akzeptieren.
Es ist unser kirchlicher Auftrag, anzuleiten und Mut zu machen, dass Menschen einander vertrauen können.

Misstrauen und Angst sind die großen Gegenspieler des Vertrauens. Insofern widersprechen Friedenssucher und Friedensstifterinnen allen, die Angst schüren und Gräben zwischen Menschen aufwerfen wollen.
Friedenssucher versuchen Neid von sich fernzuhalten und bemühen sich, nicht ständig Angst davor zu haben zu kurz zu kommen und übervorteilt oder überfremdet zu werden.
Wer dem Frieden im Alltag der Welt aktiv nachjagt, der versucht aktiv mit Vertrauen auf andere Menschen zuzugehen, sie zu verstehen. Mit solchem Vertrauen können wir tiefe Gräben des Misstrauens überwinden.
Wer den Frieden sucht, arbeitet an seiner eigenen persönlichen Haltung des Vertrauens in andere Menschen und ihre Lebenswelten. Wer den Frieden sucht, der kann den Nächsten anders sein lassen.

Sicher werden wir hin und wieder auch enttäuscht werden. Andere nutzen unsere Freundlichkeit aus, suchen ihren eigenen Vorteil und lassen uns zurück.
Gleichzeitig bin ich mir sicher: wenn es uns gelingt, unseren Mitmenschen mit Vertrauen zu begegnen, werden wir viele Brücken über die Gräben des Unfriedens und des Misstrauens bauen können.
Suche Frieden und jage ihm nach. Lass ab vom Bösen und tue Gutes.
Die Jahreslosung hat für mich eine sehr alltägliche und persönliche Bedeutung, denn der Friede fängt schon beim Frühstück morgens an.

Religionsfreiheit statt Konfessionskriege
Von Frieden sprechen können wir nicht ohne zu erinnern an die Schuld der Christenheit und der Kirchen. Über die Jahrhunderte hinweg sind Kirchen und Konfessionen einander mit Misstrauen begegnet, haben sich gegenseitig Erfolge und Machtgewinne nicht gegönnt, sondern geneidet. In der Geschichte der Christenheit gab es Glaubens- und Konfessionskriege. Man meinte sich abgrenzen zu müssen, sah eigene Interessen gefährdet, und hat Krieg gebracht über ganze Länder und Regionen.
Suche den Frieden und jage ihm nach:
Das heißt für mich als evangelischen Christen heute: mich zu freuen über jeden Erfolg der römisch-katholischen Kirche und mit zu leiden in jeder Krise. Suche den Frieden und jage ihm nach: das heißt für mich heute: Jeglicher Angstmacherei vor Überfremdung durch den Islam zu widersprechen und mich aktiv einzubringen für Religionsfreiheit überall auf dieser Welt.

Auch hier wird man sagen können: Das ist naiv und wird der wahren Bosheit dieser Welt nicht gerecht. Und gleichzeitig glaube ich, dass die aktive Suche nach Frieden und das Vertrauen in die von Gott geliebte Menschheit der bessere Weg zu einer Welt in Frieden und Gerechtigkeit ist.
Hier sehe ich den Weg, den Christen und meine evangelische Kirche zu gehen hat.

Wir suchen nach Frieden, weil Gott uns freundlich ansieht
Lass ab vom Bösen und tue Gutes. Suche den Frieden und jage ihm nach. Wenige Verse vor der Jahreslosung heißt es im gleichen Gebet:
Sehet, wie freundlich der Herr ist. Wohl dem, der auf ihn traut. Hier geht es um Gottvertrauen. Es geht um unser Vertrauen auf diesen Gott, der freundlich – ja. menschenfreundlich ist.
Der Gott, dem wir gemeinsam mit Israel vertrauen; er blickt mich freundlich an. Nicht böse, nicht feindschaftlich, nicht neidisch, nicht argwöhnisch.
Nein, Gott, der Vater Jesu Christi, blickt jeden einzelnen von uns und unsere Leben freundlich an. Er sieht uns freundlich an und er vertraut uns. Sehet wie freundlich der Herr ist.
Das ist der Grund, warum wir unserem Nachbarn und Mitmenschen vertrauend begegnen können. Dieser Grund trägt mich in meiner Suche nach Frieden.
Und so ist für mich der Einsatz für Frieden über das Ringen um eine bessere Welt hinaus zugleich Zeugnis für den Gott des Friedens, der Versöhnung und der Liebe. Amen.

Diese Gastpredigt hielt Vizepräses Christoph Pistorius am Sonntag, 20. Januar 2019, in der Evangelischen Christuskirche Hennef. Biblische Grundlage war die Jahreslosung für 2019 in Psalm 34,15.
Pistorius ist seit Januar 2014 der zweithöchste Geistliche in der Evangelischen Kirche im Rheinland, der 2,5 Millionen Protestanten in vier Bundesländern zwischen Aachen und Saarbrücken angehören. Als Oberkirchenrat leitet er seit sechs Jahren die Personalabteilung der Landeskirche. Vorher Trierer Superintendent, wechselte er 2013 ins Düsseldorfer Landeskirchenamt. Der verheiratete Vater dreier erwachsener Töchter lebt heute in Mettmann.

„Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Psalm 85,11) – weil die Jahreslosung für das ganze Jahr 2019 gilt, hat die Kirchengemeinde Hennef zwei weitere Redner eingeladen, zum Frieden zu sprechen. Den Psalmvers „Dass Frieden und Gerechtigkeit sich küssen“ (Psalm 85,11) legt SPD-Landesvorsitzender Sebastian Hartmann im Gottesdienst am 10. Februar 2019 aus. Der langjährige Hennefer Ortspfarrer, Militärdekan Claus-Jörg Richter, fragt am 17. März, ob Jesu Satz „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halte ihm auch die linke Wange hin“ auch in militärischen Auslandseinsätzen gelten kann.