Die Jünger sind fassungslos
An diesem dunkeln Tag vor den Mauern Jerusalems sind die Jünger überwältigt von ihren Emotionen.
Sie nennen ihn nicht Freitag. Es ist der ‚Jom Schischi‘, der Tag Sechs der Woche.
Und sie nennen ihn schon gar nicht Karfreitag.
Denn ‚Kar‘ kommt vom altdeutschen ‚Kreinen‘, also frei übersetzt: der Freitag der Tränen.
Sie haben ihn nicht so genannt.
Aber genau so hat er sich den Jüngern für immer eingebrannt:
„Das kann nicht sein … das kann nicht sein …“, stottert Andreas. Betäubt, innerlich gelähmt, als wäre alles nur ein böser Traum.
Und: „Wie konnte das passieren?!“ wütet Jakobus. Hin- und Hergerissen zwischen Aufschreien und stummem Wegstarren.
Von jetzt auf gleich überkommt Bartholomäus der Schock: „Ich fühle nichts. Ich funktioniere nur noch“. Laufen, tragen, reden wie ferngesteuert, als stünde er neben sich und könnte sich selber dabei zusehen.
Und Thaddäus rüttelt die anderen an den Schultern, Angst in seinen Augen: „Uns holen sie bestimmt als Nächste … wir sind dran …“. Das Herz rast, die Knie werden weich.
Maria flüstert: „Ich kann nicht hinsehen – und nicht wegsehen“. Abstand, Distanz. Sie werden Zeugen seines Foltertodes aus der Ferne nur.
Und unter allem das Gefühl, dass der Boden der Welt aufreißt, dass Gott schweigt, während ihr Rabbuni unter Qualen stöhnt: „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
So hat sich dieser Tag den Jüngern Jesu ins Hirn gebrannt.
Spätere Generationen schreiben davon, Jesus habe auch im Leiden seine ganze Souveränität bewahrt: Sieger am Kreuz.
Aber die ersten, die ältesten Berichte sprechen eine andere Sprache.
Den Karfreitag ernst nehmen
Der Karfreitag war ein Schock. Den Jüngern zog es den Boden unter den Füßen weg.
Weil die Welt zusammenbrach. Aber nicht nur eigene Welt.
Was wäre, wenn man den Karfreitag ernst nimmt?
Weil an diesem Tag auch Gott völlig fassungslos war?
Unter Schock stand? Und drei Tage lang nicht wußte, wie er damit umgehen sollte.
Was wäre, wenn also die Berichte aus Jerusalem nicht nur eine ferne Geschichte skizzieren, sondern Zeugnis dessen sind, wie an einem Angelpunkt der Weltgeschichte sich auch für Gott selbst das Universum drei Tage lang aus den Angeln hob?
Denn wenn wir den Karfreitag ernst nehmen, muss das zunächst heißen: Gott hat das nicht unter Kontrolle!
Denn hätten Jesus oder Gott schon von vorneherein gewusst, dass ihnen am Ende von Karfreitag bereits der Ostermorgen dämmert – alles wäre nur ein abgekartetes Spiel gewesen.
Eine mega Show, um die Welt zu beeindrucken.
Aber nichts daran wäre echt. Tod, Erlösung, Tränen, Verzweiflung. Alles von Meisterhand geplant. Big Fake! So?
Oder sind die Gedanken von Jesu und Gottes Souveränität nur Thesen später Generationen? Von Menschen, die die dunkle Schreckhaftigkeit des Karfreitags nicht ertragen konnten – und theologische Denkfiguren suchten, die das Kreuz wieder handhabbar machten? Weniger erschreckend? Leichter?
Ich möchte den Karfreitag einmal ernst nehmen so, wie ihn die Jünger erlebt haben: Als dunklen Abgrund der Geschichte, in den Gott und die Welt zitternd schauen.
Was, wenn Gott sich darauf eingelassen hatte, dass er die Dinge nicht unter Kontrolle hatte? Den Dingen ihren freien Lauf ließ – und selbst bitter überrascht davon war, dass sein Sohn am Kreuz stirbt?
Ein Altarbild aus Bremen
Ich habe Ihnen ein Bild mitgebracht: Bernd Notke hat es 1475 für den Altar der Marienkirche in Bremen gemalt.
Das Bild wirkt wenig beeindruckend – spätes Mittelalter.
Noch keine Spur der Renaissance, mit der 50 Jahre später Michelangelo und Raffael die Kunstwelt begeistern.
Handwerklich solide Darstellungskunst.
Was dieses Bild besonders macht, ist die Wahl des Motivs. Sie alle kennen das Bildmotiv der Pieta.
Maria, die Mutter Gottes, hält den toten Jesus, ihren Sohn im Arm. Gerade vom Kreuz genommen, streichelt sie ihn zärtlich.
Ein Bild des Leidens und der tiefen Trauer.
Das Bild von Bernd Notke hat einen großen Unterschied:
Es zeigt auch den toten Jesus, der noch die Dornenkrone trägt und an dessen Seitenwunde der Speer haftet, der ihm zwischen die Rippen gerammt wurde.
Aber in den Armen hält ihn nicht seine Mutter. Notke wagt es, den Bildgedanken der Pieta umzudrehen: den entseelten Leib des Sohnes dem Vater in die Arme zu legen.
Einen derart von seinem toten Sohn emotional berührten Vatergott wird man selten finden: Dieser Gott kreint. Trauert.
Er hat tiefe Gefühle für seinen Sohn, für die Welt – und er ist von ihnen übermannt?
Dieser Gott leidet am Leiden seines Sohnes – und schaut mich, den Bildbetrachter, an – macht mich zum Teil des Bildgeschehens, als würde er fragen: Siehst Du mich? Wie stehst Du dazu?
Zu seiner Zeit ein mutiger Gedanke von Bernd Notke. Was, wenn Gott solche Gefühle hatte – und davon übermannt war?
Und noch weiter: Gott steht am Abgrund?
Noch einen Schritt weiter ist der Theologe Hans-Georg Geyer vor 50 Jahren gegangen. Er sagte: Wenn wir als Christen über den Karfreitag nachdenken, dann müssen wir ernsthaft die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass der Karfreitag endet – ohne Auferweckung! Ohne Ostern!
Ist es denkmöglich, dass der Vater den Sohn, der ganz tot ist und nichts mehr aus sich selbst heraus bewirken kann – dass er seinen Sohn im Tod belässt?
Was würde das für Gott bedeuten? Gott, von dem wir glauben, dass er in sich eine Gemeinschaft ist – Vater, Sohn und Heiliger Geist?
Vater und Sohn haben sich an diesem düsteren Tag schon voneinander entfremdet. Im Garten Gethsemane betet Jesus:
Vater, nicht mein Wille, sondern Dein Wille geschehe!
Will sagen, Jesus würde sich das hier nicht tun wollen.
Aber seinem Vater zuliebe setzt er sich den Qualen aus?
Und am Kreuz schreit Jesus seine ganze Verzweiflung heraus: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Da ist bereits ein tiefer, dunkler Riss in der Beziehung zwischen Vater und Sohn. Was, wenn Gott – warum auch immer – seinen Sohn sterben ließe? Einfach tot.
Erstirbt unter diesem Schock Gottes Beziehungsfähigkeit?
Was bleibt dann noch von Gottes Liebe, die die Welt ins Leben rief und sie in Bewegung setzen wollte?
Dann wendet Gott sich tief erschüttert ab. Überlässt die Welt sich selbst.
Und sie ist danach eine wahrhaft gottlose Welt. Ohne Sinn, ohne Hoffnung, ohne Ziel?
Das steht am Karfreitag auf dem Spiel.
Ein Karfreitag ohne Auferstehung wäre das Ende des dreieinigen Gottes und der Welt, zu der er in Beziehung steht.
Gott und die Welt schauen zwei Tage lang in einen dunklen Abgrund – die schlichte Möglichkeit, dass Gott einfach nichts tut. Jesus ist tot – und bleibt tot. Ende der Geschichte.
Ein anderer Gott! Ein anderer Karfreitag!
Ich wurde schon gefragt: Was hat man denn davon, wenn man sich solche Gedanken über Karfreitag macht?
Meine Antwort wäre: Einen anderen Gott!
Der nicht über den Dingen schwebt. Oder im schlimmsten Fall eine Show abzieht. Und dann in seiner Allmacht unnahbar erscheint.
Nein, dieser Gott setzt sich seiner Welt existentiell aus. Er erleidet den Karfreitag selbst.
Und ist davon gezeichnet für den Rest aller Zeiten.
Diese düstere Erfahrung wird Gott nicht mehr loslassen.
Er nennt ihn nicht Karfreitag. Es ist der sechste Tag der Woche.
Aber so wie den Jüngern hat sich dieser Tag Gott eingebrannt.
Es hat Gott bis in seine Grundfesten erschüttert.
Weil es ihn herausgefordert hat, über sich und die Welt noch einmal ganz anders zu denken.
Und sich anders zu ihr zu verhalten als er es sich jemals gedacht hatte?
Das Ergebnis dessen feiern in zwei Tagen.
Aber nur weil dieser sechste Tag der Woche so düster war, dass er die Welt an den Abgrund führte,
nur deshalb konnte es dann zu Ostern kommen. Amen.
Diese Predigt hielt Pfarrer Dr. Stefan Heinemann am Karfreitag 2026 in der Stephanuskirche Uckerath.