Predigt: Vielleicht gelingt uns das …
Diese Predigt hielt Prof. Dr. Athina Lexutt im Gottesdienst am 10. August 2025 in der Evangelischen Christuskirche in Hennef.
Ich mag ihn. Vor allem, wenn er so richtig stürmt und bläst. Wenn mir die Haare zerzaust werden und Blüten und Blätter um mich herum wirbeln, wenn Bäume sich wiegen und es in den Ästen rauscht. Ich mag ihn, den Wind.
Als 1989 die Scorpions vom „Wind of Change“ sangen, da spürten alle, die wir damals dabei waren, dass es da stürmt und bläst und danach nichts mehr ist wie zuvor. Der Fall des Eisernen Vorhangs, den hat der Wind of Change bewirkt. Und wie hoffnungsvoll waren wir damals. Nie wieder Kalter Krieg, nie wieder Feindschaft zwischen Ost und West, Abbau von Ressentiments; stattdessen Versöhnung, Freundschaft. Jetzt waren wirklich Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Winzermessern geworden. Dachten wir. Hofften wir.
Knapp 40 Jahre später hat uns die Wirklichkeit eingeholt. Die Ausgaben für Rüstung und Wehrhaftigkeit steigen ins Unermessliche, es wird wieder ganz selbstverständlich von der Kriegstauglichkeit der Bundeswehr gesprochen und darüber, wie man sich im Ernstfall schützen kann; es wird überlegt, wie und wo man Luftschutzbunker errichten kann, die Gefahr eines Krieges auch in unserem Land ist etwas, das wir uns nicht kleinreden können.
Und schaut man in die Welt drumherum, dann wird es noch deutlicher: Die Vision eines Friedens auf der ganzen Erde, die Hoffnung, dass klarer Menschenverstand die Egomanien und Nationalismen besiegt hätte, die Vorstellung, dass die Menschheit die Folgen ihres Tuns bedenkt und die gesamte Schöpfung schützt, die Idee eines allumfassenden Bandes der Liebe, der Freundschaft, der Versöhnung und der gegenseitigen Unterstützung – sie alle haben sich in Wohlgefallen aufgelöst.
Nach fast 40 Jahren ist vom Wind of Change nichts mehr zu spüren, sondern steht die Welt mitten im Auge des Taifuns der Bosheit, der Willkür und der Gewalt, der alles hinwegzublasen droht, was sich ihm in der Weg stellt. Aus den Pflugscharen sind neue Schwerter geworden, schärfer als je zuvor, und aus den Winzermessern neue Spieße, die jede Schwäche kaltblütig ausnutzen und mitten ins Herz aller Friedensutopien stoßen.
Man könnte den Eindruck gewinnen, wir seien nicht einen Schritt weitergekommen in diesen fast 40 Jahren, aber der Eindruck täuscht. Wir sind sogar noch rückschrittiger, meine ich: In Amerika herrscht ein Mann, der heute dies und morgen das sagt, der dealt statt regiert und alte Bande wie Schürsenkel reißen lässt, wie es ihm passt, auf den kein Verlass ist und der lieber Golf spielt als sich um die Belange der Welt kümmert; in Russland herrscht ein Despot, der seine ganz eigene Weltsicht hat, Geschichtsklitterung en masse betreibt und offen von Welteroberung träumt; ein gefährlicher Rechtsruck in Europa lässt antisemitische und andere ausgrenzende Parolen salonfähig werden; in Deutschland erlebt eine als rechtsextrem eingestufte Partei einen politischen Aufwind, gewählt von vielen Menschen, die besser wissen sollten, was Gleichschaltung, antidemokratisches Gehabe, nationalverkrümmter Dünkel und falsche Versprechungen bedeuten; in Nahost wird ein Konflikt nicht an den Wurzeln behandelt, sondern auf Kosten vieler Menschenleben bis zum Exzess weitergeführt, damit hüben und drüben machtgeile Herren ihr Gesicht nicht verlieren; Zynismus und Gewalt, Terror und Menschenverachtung, Unterdrückung und Ausbeutung, Machtgier und das Inkaufnehmen vieler unschuldiger Opfer als Mittel zum Zweck, Gewalt gegen Kinder, gegen Frauen, gegen die Schwachen der Gesellschaft, offener Hass und Drohungen in den sogenannten sozialen Medien – sie alle haben sich längst in einer Art und Weise breit gemacht, dass manch einer und manche eine sicher das eine und das andere Mal nur noch dasitzt und sich denkt, wie das alles so weit hat kommen können. Der Wind of Change ist einem alles hinwegfegenden Orkan gewichen, der auch sie fortweht: unsere Träume, unsere Sehnsüchte, unsere Phantasien, dass eines Tages Löwe und Lamm tatsächlich friedlich beieinanderliegen und Friede mehr ist als die Abwesenheit von Krieg.
„Dies ist das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, schaute über Juda und Jerusalem.
Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, fest stehen,
höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben,
und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen:
Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs,
dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!
Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.
Und er wird richten unter den Nationen und zurechtweisen viele Völker.
Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.
Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben,
und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“
So formulierte es der Prophet Jesaja vor langen, langen Jahrhunderten, und fast wortwörtlich finden wir diese Vision auch bei seinem Zeitgenossen, dem Propheten Micha. Eine Vision eines zukünftigen Friedensreiches, in dem es keine Kriege mehr geben wird, weil es dazu die Waffen nicht mehr gibt, die zu Instrumenten der Landwirtschaft, der Bebauung der Erde geworden sind.
Bemerkenswert finde ich den vorletzten Satz: Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Das Handwerk der Kriegsführung wird nicht mehr gelehrt; es wird verbannt aus den Schulen und der Öffentlichkeit – und irgendwann wird einfach vergessen, wie das geht. Keiner weiß mehr, wie eine Waffe gebaut und gehalten wird, warum man sich Gewalt antun sollte, was Hass ist, wie Macht ausgenutzt werden kann. Krieg, Verachtung, Intrigen, Terror, Hass, Neid und Gewalt – sie werden aus dem Sprachgebrauch verschwinden, keiner weiß mehr, was sich dahinter verbirgt, es gibt sie nicht mehr, nicht in der Realität, nicht in den Köpfen, nicht in den Lexika, nicht in den Herzen. Wie wunderbar! Welch wundervolle Vorstellung! Was für eine Vision!
Und doch so fern von unserer Realität wie nur was. Aber warum klappt es denn nicht? Was fehlt uns, dass wir nicht mal in die Nähe dieser Vision gekommen sind, nicht heute, nicht vor 40 Jahren, seit Tausenden von Jahren nicht und niemals? Was stimmt mit uns Menschen nicht, dass wir das einfach nicht hinbekommen mit dem Frieden und dem Vergessen all dessen, womit wir anderen Menschen, anderen Geschöpfen und der ganzen Welt Schaden antun?
Jesaja hat darauf eine klare Antwort. Denn der Frieden kommt in seinen Worten nicht von ungefähr. Den Völkern fällt es nicht von selbst ein, ihre Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden und aus den Speeren Sicheln oder Winzermesser zu machen. Gott, der Herr, lässt sie zu sich kommen.
Alle pilgern sie zum Berg Zion, auf dem er wohnt. Sie alle haben ein gemeinsames Ziel, richten sich nach diesem einen Ziel aus und orientieren sich ausschließlich daran. Sie wollen von Gott Lehre und Weisung empfangen. Und die bekommen sie, und für manche wird das mit einer Zurechtweisung einhergehen. Jesaja sagt uns ganz deutlich, warum es mit dem Frieden nicht klappt, warum kein Volk seine Schwerter zu Pflugscharen macht und keines seine Speere zu Sicheln, und warum keine Nation daran denkt, aus Gewehrläufen Blumen wachsen zu lassen und aus Panzern Baufahrzeuge zu machen: weil kein Volk sich einzig und allein auf Gott ausrichtet, sich von ihm Weisung geben lässt und sich an ihm orientiert. Nicht mal – und vielleicht müsste man sogar sagen: erst recht nicht – das Christenvolk, das oft genug meint, alles schon genau zu wissen, vor allem, was christlich zu sein heißt, und das damit an seiner Meinung über diesen Gott orientiert ist – aber nicht an Gott.
Darum bleibt diese Vision vom Frieden genau das: eine Vision. Eine Schau in weite Ferne, in eine Ferne, die ins Reich Gottes reicht und damit in eine Wirklichkeit, die ist und kommen wird, aber die solange nicht erfahrbar sein wird, wie wir Menschen das sind, was wir sind: Geschöpfe, die nicht wollen, dass sie Geschöpfe sind; Wesen, die nicht wollen, dass Gott Gott ist; Sünder, deren Sünde nicht in kleinen oder großen Übertretungen gegen Gottes Gebote besteht, sondern darin wurzelt, dass sie nicht wissen, was es wirklich und in der Tiefe meint, Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Dass Schwerter zu Pflugscharen werden und Speere zu Sicheln und Winzermessern – das bleibt eine Utopie.
Das klingt furchtbar aussichtslos. Oder realistisch, je nachdem.
Aber ist das wirklich aussichtslos? Ist das die einzige Realität?
Auch darauf gibt Jesaja eine klare Antwort: Nein! Es ist eine Vision, aber eine, die wir im Rahmen des Möglichen buchstäblich angehen sollen. Der Predigttext endet mit dem Satz: „Kommt nun, lasst uns wandeln im Licht des Herrn!“ Das klingt ganz ähnlich wie unser Wochenspruch aus dem Epheserbrief: „Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ Vielleicht kriegen wir das niemals hin mit dem „lauter“, mit der Reinheit, mit der Vollkommenheit.
Aber besser unvollkommene Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit als vollkommener Hass, vollkommene Ungerechtigkeit und vollkommene Lüge. Besser ab und zu ein paar Sonnenstrahlen als dauernde Dunkelheit; besser im klaren, barmherzigen und vollkommenen Licht des Herrn wandeln, auch wenn wir niemals ganz Licht sein werden, als in unserer Dunkelheit oder in unserem künstlichen Licht stehen bleiben. Besser, sich am Herrn auszurichten und nicht an der eigenen Meinung; zum Herrn zu gehen und sich dort Rat und Weisung zu holen und nicht bei den vielen Ratgebern und Vorschriftenmachern dieser Welt; besser Kinder des Lichts zu sein als selbst versuchen, Lichtgestalten zu sein – das ist die einzige Möglichkeit, der Vision entgegenzugehen. Der Wind of Change kommt allein von Gott, dem Herrn – ihn müssen wir spüren und uns von ihm tragen lassen.
So wie das ab 1980 viele Menschen in der DDR getan haben, als sie sich Aufnäher mit dem Abbild des UN-Denkmals „Schwerter zu Pflugscharen“ an Mäntel, Mützen, Taschen und Jacken ansteckten. Die Aufnäher wurden in Herrnhut hergestellt, auf Vliesstoff, weil der als Textiloberflächenveredelung galt und es dafür keine staatliche Druckgenehmigung brauchte. Viele trugen sie und bekannten sich offen zu ihrer Friedenssehnsucht. Zum Missfallen der DDR-Regierung, die darin Wehrkraftzersetzung witterte. Die zumeist jugendlichen Träger der Aufnäher ließen sich indes nicht davon beirren. Sie nahmen Repressalien in Kauf oder nähten sich runde weiße Flecken auf die Jacken u.ä. Das späte Ergebnis dieses leisen Widerstands kennen wir. Wind of Change.
Vielleicht kann uns diese gerade Haltung damals, vor mehr als 40 Jahren, auch heute Mut machen, in dieser manchmal so total verrückten Welt und alle politischen Notwendigkeiten beachtend, die Orientierung zu wahren, aufzustehen, Zeichen zu setzen und daran mitzuarbeiten, dass Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit spürbar bleiben und ihren Platz behalten.
Vielleicht gelingt es uns, mit den vielen kleinen Schritten, die uns überhaupt nur möglich sind.
Vielleicht gelingt uns das, wenn wir von unserem hohen Ross der Besserwisserei ebenso herunterkommen wie von unserem störrischen Esel der verweigernden Sturheit.
Vielleicht gelingt uns das, wenn wir uns von IHM, dem Einzigen, dem HERRN ziehen und rufen lassen.
Vielleicht gelingt es uns, wenn wir uns von Jesus Christus zusagen lassen: Ich bin bei Dir und ich trage Dich!
Vielleicht können wir so als Kinder dieses Lichts Jesus Christus wandeln und Salz und Licht für diese Welt werden.
Vielleicht gelingt es uns dann, zuerst einmal ein laues Lüftchen des Wind of Change wehen zu lassen, aus dem eines Tages ein Wind wird, der uns vergessen lässt, was Kriege, was Hass und was Gewalt sind, und der wirklich Schwerter zu Pflugscharen und Spieße zu Winzermessern werden lässt.
Amen.
