Predigt zur Fusion: „Siehe, ich mache alles neu!“
Die Predigt wurde beim Gottesdienst zur Fusion als Dialog zwischen Pfarrerin Annekathrin Bieling und Pfarrerin Antje Bertenrath gehalten. Zur Predigt gehört auch noch das Bild mit der Jahreslosung von Stefanie Bahlinger.

Liebe Gemeinde,
„Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb. 21,5) Dieser Satz aus dem Buch der Offenbarung steht als Jahreslosung über dem Jahr 2026. Er ist für mich wie ein passender Leitvers für unsere gemeinsame Zukunft als fusionierte Kirchengemeinde – als Evangelische Kirchengemeinde Hennef und Uckerath. Im letzten Jahr hieß es: „Prüfet alles, das Gute behaltet.“ Das haben wir gemacht. Viel geprüft, viel beraten, viel Gutes, das wir in die Zukunft mitnehmen. Anderes wiederum lassen wir los, können wir nicht mehr behalten oder beibehalten. In diese Situation hinein spricht nun die neue Jahreslosung: „Siehe, ich mache alles neu!“ Alles steht auf Neuanfang!
Hörst Du das als Verheißung oder als Drohung, liebe Annekathrin?
Hm, gute Frage. Ich finde, die Losung ist wie für unsere Fusion gemacht: Wir dürfen der Zukunft vertrauen, Neuanfängen, Aufbrüchen, die vor uns liegen. Gott ist Leben. Leben ist Entwicklung – Stillstand ist Tod. So viel ist in Veränderung. In der Kirche insgesamt tut sich gerade viel. Nächste Woche beginnt die Landessynode, da werden auch viele Veränderungen und Umstrukturierungen in der Kirche insgesamt diskutiert und beschlossen – und in den Gemeinden vor Ort muss das auch nachvollzogen werden. Und ganz ehrlich. Manches wartet schon lange darauf verändert, erneuert, überdacht zu werden – ein paar alte Zöpfe können ruhig abgeschnitten werden in der Stephanuskirche genauso wie in der Christuskirche. – Aber, wie siehst Du das, Antje? Du bist ja schon viel länger im Dienst als ich.
Ich höre darin eher eine Drohung. Wer möchte schon „alles neu“ haben?
- Wenn ältere MEnschen aus ihrem Zuhause in ein Seniorenwohnheim ziehen, dann ist es eine große Hilfe, wenn ihre alten Möbel mit in die neue Wohnung kommen…
- Und wenn die Gemeinde der Stephanuskirche mit der Christuskirche fusioniert, dann ist den Mitarbeitenden und den Gemeindemitgliedern jeweils auch wichtig, dass ihr Standort und ihr Gemeindebüro bleibt, die gewohnten Abläufe im Gottesdienst und dass nicht alles anders wird…
- Und der Regenbogen, der sich auf der Karte zur Jahreslosung findet, ist das Bundeszeichen nach der Sintflut. Da war alles im Wasser untergegangen – ALLES – nur ein paar Menschen und wenige Tiere konnten gerettet werden.
Dass alles untergeht, wünsche ich mir schon gar nicht. Ich brauche Beständiges, Verlässliches, Wiederholung und Halt. Alles neu schreckt mich eher ab.
So radikal sehe ich das auch gar nicht. Ich verstehe das auch eher so, dass „die Mischung“ neu wird. Natürlich wollen wir auch Altes bewahren und Liebgewonnenes erhalten, aber durch die neue Mischung wird eben alles neu. Unser Kollege Niko Herzner sagt doch immer „Ein neuer im Team ist ein neues Team.“ Allein durch das neue Miteinander wird sich die Gestalt verändern. Und wenn wir unser jeweiliges Potenzial zusammenlegen, wird daraus Gutes wachsen: Glauben erleben, Gemeinschaft und Gastfreundschaft gestalten – da können wir als Gesamtgemeinde noch unser Profil schärfen und uns mit unseren verschiedenen Traditionen gegenseitig bereichern. Das steckt für mich schon in dem Wort Fusion: Fusion bedeutet „Gießen, schmelzen“ – Veränderung des Aggregatzustandes nicht der Substanzen. Ich denke auch nicht, dass Gott meint, dass einfach alles ausgetauscht wird, kein tabula rasa, keine Sintflut. Gerade die wollte Gott ja nie wieder und setzt dafür den Regenbogen als Zeichen. Sondern das, was er zusagt, sind Beständigkeit und Treue solange es die Erde gibt. Wenn Gott etwas neu macht, dann heißt das für mich, dass er es neu in Beziehung setzt: zu sich, zu anderen, zum Umfeld, zur Welt. Er stellt Beziehungen neu her, stellt uns neu in Beziehung zueinander und stellt vor allem alles unter sein segensreiches Wort. Wenn Gott z.B. ein neues Herz schenkt – dann tauscht er es doch nicht physisch aus, sondern er gibt seinen Geist neu in das Herz hinein. Er gießt ihn in das Herz, fusioniert ihn quasi mit dem Herzen und verändert es von innen her und macht es dadurch ganz neu.
Gott gibt seinen Geist ins Herz und in die Beziehungen hinein – das ist ein Gedanke, der mir gefällt, den ich gut hören kann. Dazu fällt mir ein Wortspiel zur Fusion ein. Ich denke da an In-Fusion. Eine „In-Fusion“ belebt die Lebensgeister, bringt Nahrung und Heilmittel direkt in den Blutkreislauf. So, wie Gottes Geist wirkt und fließt und belebt. Und dann wird auch Neues wachsen und entstehen und Altes weiterwachsen und geschützt und bewahrt werden, wenn es sich bewährt hat. Und bei beidem gilt es genau hinzusehen, was es in unserer Welt braucht und was Gott von uns will. So heißt es ja auch in der Jahreslosung: „Siehe.“ Wir sollen nach vorne schauen und nicht zurück und vor allem sollen wir genau hinsehen. Und das können wir auch, weil Gott uns eine neue Sicht auf die Dinge gibt.
Siehe – schon wieder ein Wort, das zur Fusion passt 😊 In der Optik beschreibt Fusion die Fähigkeit des Gehirns, die leicht unterschiedlichen Bilder beider Augen zu einem einzigen, Bild zu verschmelzen. Erst durch die Verschmelzung der beiden Bilder sehen wir dreidimensional und bekommen eine ganz andere Sicht auf die Dinge und die Welt. Unsere Sicht gewinnt an Tiefe. Das ist doch cool, oder? Erst durch das gemeinsam hinsehen – als Menschen in Hennef und Uckerath und im Vertrauen auf Gottes Verheißung – erst dann bekommen wir ein vertieftes Gesamtbild dafür, welchen Segen Gott für uns hat und wie wir als Christinnen und Christen in unserer Stadt wirken können. Siehe, das heißt neu hinzugucken und gemeinsam dreidimensional zu schauen: In welcher Stadt leben wir? Was ist unsere Aufgabe hier vor Ort? Welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben wir alle schon an Bord und wen können wir noch gewinnen? Wie können wir als Gemeinde Jesu Christi für die Menschen in Hennef und Uckerath ansprechbar, offen, hilfreich sein?
Siehe heißt für mich auch: Was gibt es bei uns zu sehen und zu hören? Von welchem Gott erzählen wir? Welche Geschichten geben wir weiter? Welche Kraft ist bei uns spürbar? Welche Hoffnung trägt uns? Das Kreuz leuchtet golden auf der Karte. Es steht für Jesus Christus. Er ist das Zentrum unseres Glaubens, Hoffens und Handelns.
Und er bleibt derselbe: gestern, heute und in Ewigkeit. Das „ich“ steht für Gottes Treue und Konstante. Auch wenn sich alles ändert:
Gott bleibt: In unserer Kirche/ Gemeinde. In unseren je persönlichen Lebenswegen. In seiner ganzen Schöpfung am Werk: lebendig, schöpferisch, kreativ.
Genau. Denn das erste Siehe, das er zu Beginn der Schöpfung gesprochen hat, war: Und siehe, es war sehr gut. Das ist das, was Gott für uns will. Dass unser Leben, unser in Beziehung sein, sehr gut ist und bleibt. Und dazu gibt er uns immer wieder seinen Geist der Ermutigung und der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
Ja, nur manchmal kommt es unter uns Menschen trotzdem schnell zur Kon-Fusion. Zu Durcheinander, weil wir aus dem Blick verlieren, wo der Weg lang geht und welcher der richtige ist. Und weil wir zu sehr mit dem Blick auf uns selbst beschäftigt sind…
Sicher werden wir auf dem weiteren Weg des Fusionierens auch immer mal anecken, uns missverstehen und Hindernisse aus dem Weg räumen müssen. Ich fürchte, das bleibt nicht aus. Dafür sind wir Menschen zu unterschiedlich in unseren Bedürfnissen und unserer Kommunikation, in unseren Sichtweisen und Lebenswegen. Und doch vertraue ich darauf, dass Gott es gut macht und dass wir das mit seinem Segen und seiner Hilfe immer wieder gut hinkriegen. Denn ein Wort, das wir noch nicht bedacht haben, ist das „machen“. Gott selbst ist es, der sagt: ich mache alles neu. Nicht wir machen. Sondern er. Wir machen mit und doch ist es Gott, der uns, das Werk seiner Hände, nicht loslässt und weiter damit arbeitet und sich machend und schöpfend und wirkend in die Welt hineinbegibt.
Genau. Und in all dem ruft er uns immer wieder zu: Siehe! Sieh hin! Richte Deinen Blick auf mich aus und nimm den Segen und die Verheißung an, die ich für Dich und für Euch als Gemeinde habe. Und sieh hin, was die anderen um Dich herum brauchen. So gelingt Fusion mit all ihren Facetten und Zusammenleben in der Stadt, im Land, in der Welt.
Und da muss ich noch an zwei schöne verbindende Zeichen denken, die wir in Christuskirche und Stephanuskirche haben und die uns als Gemeinde vor Augen stehen und mit der Jahreslosung verbinden: der Jerusalemleuchter in der Christuskirche und die Fenster in der Stephanuskirche mit der Aufschrift Heimat für Heimatlose und mit Blättern, die nach oben wachsen. Leuchter und Fenster sind beides Zeichen für das Himmlische Jerusalem, aus dessen Beschreibung die Jahreslosung stammt. Beides Zeichen, die sich auch in unserem neuen Siegel wiederfinden. Gemeinsam stehen sie für die Verheißung von Gottes Nähe und sein Mit-Sein mit uns und der Zukunft, die er schenkt.
Und deshalb mögen wir uns heute voll Vertrauen von Gott zusprechen lassen: „Siehe, / ich / mache / alles / neu.“
Amen.
