Predigt: Das Recht ist der Schlüssel – wahrt es!
Im Rahmen der Kooperation mit den Nachbargemeinden predigt das Team der Evangelischen Kirchengemeinde Hennef regelmäßig an drei verschiedenen Orten. Dadurch kommt es immer wieder auch zu thematischen Überschneidungen, wenn nacheinander zwei Prediger:innen über den gleichen Text reden. So werden verschiedene Perspektiven sichtbar und es ist deutlich: Es gibt nicht die EINE Auslegung. Alle Hörenden dürfen, ja sollen und müssen auch selber mit (weiter)denken! Diese Vielfalt gibt es diesmal auch zum Nachlesen.
Am 10. August predigte Prof. Dr. Athina Lexutt in der Christuskirche über einen Abschnitt aus Jesaja 2 (die Predigt finden Sie hier: „Vielleicht gelingt uns das …“. Am folgenden Wochenende predigte Pfr. Niko Herzner im Rahmen der Sommerkirche über denselben Abschnitt:
Wenn ich Bibeltext über den Athina Lexutt schon letzte Woche gesprochen hat und den ich auch heute noch einmal mitbringe– der Anfang von Kapitel 2 im Jesajabuch – wenn ich diese Stelle in der BasisBibel aufschlage, dann schnürt sich mir als erstes der Hals zu.
Dort steht – nicht als Teil des [übersetzten] Bibeltextes, sondern als ordnende Überschrift – ein Titel, den ich so dermaßen punktgenau für unsere Gegenwart empfinde, dass der Text danach doch unmöglich 2.700 Jahre alt sein kann.
Die Worte, die mich so tief ins Herz treffen lauten
Jerusalems herrliche Zukunft
und die traurige Gegenwart
Jesaja 2,1 – 4,6
So steht’s da.
So schlicht und so wahr: Wir erleben eine „traurige Gegenwart Jerusalems“.
Eine zum Verzweifeln schmerzhaft traurige Gegenwart, beständig bedroht von Terror der Hamas, der Hisbollah, des Iran, von außen… und ständig bedroht und zerrissen vom nationalistischen Wahn rechtsradikaler Politiker von innen.
Hat Jesaja all das kommen sehen? – Vor 2700 Jahren?!
War er ein Wahrsager für unsere Zeit?
Nein. Er war Prophet.
Ein Vorausschauer, aber kein Wahrsager.
Gleichwohl ein Wahrheitssager.
Ein Mensch, der auf Gottes Wort hörte und den Blick damit auf Gegenwart und Zukunft richtete.
Jerusalem stand ihm dabei vor Augen, eine Stadt, die immer wieder zerrieben wurde von den Ansprüchen Mächtiger aus allen Himmelsrichtungen.
Jerusalem lag schon immer an einer strategisch wertvollen Stelle im Nahen Osten…
Und zudem (und vielleicht vor allem): Solange wir von Jerusalem, vom Berg Zion, wissen ist es ein Ort der Begegnung mit Gott.
Dem EINEN Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.
Beides weckte und weckt die Begehrlichkeiten.
Beides sind Machtfaktoren.
Beides: Die geografische und die religiöse Bedeutung haben Jerusalem immer wieder und bis heute zu einem Ort gemacht an dem wir wie unter einem Brennglas sehen, wie das suchthafte Streben nach eigener Macht, nach Alleinvertretung, nach Verteuflung aller, die anders sind zur Zerrissenheit, Unfriede, Krieg, Leid , Schmerz und Tod führen.
Immer und immer wieder eine traurige Gegenwart.
Doch es ist nicht „Jerusalem“…
Es geschieht an jedem Ort.
In Russland, in den USA, im Sudan, in Venezuela – und ja, auch wir sind davon nicht frei. Unser eigenes Land reiht sich in die Geschichten des Verderbens auf düsterste Weise ein.
Jesaja hat das nicht vorhergesehen, er hat das gesehen.
Das Grauen seiner Zeit nennen wir heute die syrisch-ephraimitischen Kriege.
Vorausgeschaut hat Jesaja, als Mensch, der darauf hörte, was Gott zu all dem zu sagen hat, etwas Anderes.
Er benennt die entsetzlich traurige Gegenwart mit klaren Worten und verurteilt das Machtstreben der Herrschenden – und beschreibt, wie es sein soll. Wie es sein wird.
Der Plot Twist.
Die Wendung der Geschichte.
Die Herrliche Zukunft Jerusalems – und der ganzen Welt!
Ich lese den Predigttext zum heutigen Sonntag, den Beginn des 2. Kapitels im Jesajabuch.
Die „große“ Überschrift haben wir schon gehört.
Die „kleine“ für unsere heutigen Verse lautet:
Der Berg Zion (also der Berg auf dem Jerusalem liegt) wird zum Ort des Friedens für alle Völker.
Ich lese (Jes 2,1-5, BasisBibel):
1In einer Vision sah Jesaja, der Sohn des Amoz,
wie es Juda und Jerusalem ergehen wird:
2Es werden Tage kommen,
da steht der Berg mit dem Haus des Herrn felsenfest.
Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel.
Dann werden alle Völker zu ihm strömen.
3Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen:
»Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,
zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt!
Er soll uns seine Wege lehren.
Dann können wir seinen Pfaden folgen.«
Denn von Zion her kommt Weisung,
das Wort des Herrn geht von Jerusalem aus.
4Er sorgt für Recht unter den Völkern.
Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten.
Dann werden sie Pflugscharen schmieden
aus den Klingen ihrer Schwerter.
Und sie werden Winzermesser herstellen
aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen.
Dann wird es kein einziges Volk mehr geben,
das sein Schwert gegen ein anderes richtet.
Niemand wird mehr für den Krieg ausgebildet.
5Auf, ihr Nachkommen Jakobs,
lasst uns schon jetzt im Licht des Herrn leben!
Wow!
Also für diese Vision, diese Vision unserer Zukunft lohnt es sich morgens aus dem Bett zu kriechen!
Während mir vorhin der Hals eng wurde kann ich bei diesen Gedanken die ich hier lese frei atmen.
Ich habe eine Melodie im Ohr:
In deinen Toren werd‘ ich stehen, du freie Stadt Jerusalem,
in deinen Toren kann ich atmen, erwacht mein Lied.
Was für eine Hoffnung!
Was für eine Kraft.
Was für eine gewaltige Erinnerung, dass die Pfade Gottes keine Pfade der Gewalt, keine Pfade der Herrschaft und keine Pfade der Ausgrenzung sind!
Was für eine Hoffnung,
was für eine Perspektive, dass der Tag kommen wird, an dem die Menschen sich wieder danach sehen Gott zuzuhören – und nicht den hetzenden Propagandablättern.
Und es sind nicht die Könige, die Präsidenten, die Despoten und Herrscher die zum Zion kommen…
es sind die Völker.
Alle.
Alle, alle, alle – ungeachtet ihrer Bodenschätze, ihrer Wirtschaftskraft, ihrer Geschichte, ihrer Hautfarbe, ihrer Lieder.
Und sie kommen aus Sehnsucht und nicht getrieben mit Gewalt, weil jemand sagt „ihr müsst“.
Sie kommen, weil sie sehen:
Der Zion steht felsenfest als der Berg des HERRN.
Der Zion ist ein Ort der Sicherheit.
– Und noch einmal, auch hier:
Es ist nicht „Jerusalem“…
Es kann an jedem Ort geschehen.
Ein Ort an dem Gott ist, muss, ja kann, ja wird ein Ort der Sicherheit sein.
Faith spaces musst be safe spaces.
Glaubensorte müssen Orte der der Sicherheit sein.
Für alle.
Es ist nicht „Jerusalem“…
es kann bei uns sein.
Es muss bei uns sein – wenn wir für uns in Anspruch nehmen, dass wir Gottes Pfaden folgen.
Ich lese noch einmal Jesaja:
Es werden Tage kommen,
da steht der Berg mit dem Haus des Herrn felsenfest.
Er ist der höchste Berg und überragt alle Hügel.
Dann werden alle Völker zu ihm strömen.
Viele Völker machen sich auf den Weg und sagen:
»Auf, lasst uns hinaufziehen zum Berg des Herrn,
zum Haus, in dem der Gott Jakobs wohnt!
Er soll uns seine Wege lehren.
Dann können wir seinen Pfaden folgen.«
Denn von Zion her kommt Weisung,
das Wort des Herrn geht von Jerusalem aus.
… von jedem Ort an den Gott da ist; an dem wir Gott begegnen.
Und dann folgt ein Schlüsselmoment in der Vision des Jesaja.
Ein Satz, den wir gar nicht fett genug drucken könnten:
Er sorgt für Recht unter den Völkern.
Er schlichtet Streit zwischen mächtigen Staaten.
Für Recht zu sorgen ist der Schlüssel.
DAS ist die Sicherheit um die es geht.
Nicht „survival of the fittest“.
Nicht der Stärkste setzt sich durch.
Das Recht eines und einer jeden in der Schöpfung Gottes wird gewahrt.
Wer weiß, dass er oder sie sich darauf verlassen kann braucht keine Waffen, keine Schwerter, keine Speerspitzen…
Dann muss niemand mehr für den Krieg ausgebildet werden.
… wenn er oder sie sich darauf verlassen kann gesehen zu werden mit dem Recht da zu sein.
Dass das Recht gewahrt wird ist der Schlüsselmoment des Friedens, von dem Jesaja hier erzählt.
Versteht ihr, wenn ihr das hört, wie fatal es ist, wenn ausgerechnet die Instanzen unseres Gemeinwesens geschwächt, geschädigt und ihrer Unabhängigkeit beraubt werden sollen, die über die Wahrung des Rechts wachen?
Versteht ihr, wenn ihr das hört, wie fatal es ist, wenn Regierende sich in ihrem Handeln nicht an Recht und Gesetz halten? Gerichtsurteile ignorieren?
Versteht ihr, wenn ihr das hört, was es heißt, wenn in Bleiberechtsverfahren ausgerechnet der obligatorische Rechtsbeistand gestrichen werden soll? Flüchtlinge niemanden mehr haben sollen, der ihnen hilft ihr RECHT zu bekommen?!
Begreift ihr, wenn ihr das hört, wogegen da manche agieren und hetzen?!
Nicht damals vor 2700 Jahren.
Nicht damals vor 100 Jahren.
Heute!?
Ich sehne mich danach, in dieser Vision Jesajas zu leben – und für mein eigenes kleines Leben dachte ich lange, ich wäre nah dran – Ich sehen mich nach einem Leben, in dem alle zu ihrem Recht kommen, in dem nicht nur Glaubensräume sichere Räume sind – aber wenn wenigstens die es wären.
Ich sehne mich nach einem Leben in dem Schwerter zu Pflugscharen werden und niemand mehr lernt Krieg zu führen…
Allein: Die Gegenwart ist traurig.
Ja…
Ich hatte Urlaub… Ich schaute auf die Nachrichten… Und dann habe ich angefangen nachzulesen.
In den letzten Wochen habe ich mehrmals nachgelesen von einem meiner „Idole“. Einem der Verehrten in unserer Kirche.
Einem, dessen Lied von den „guten Mächten“ uns schon so oft getragen hat.
Dietrich Bonhoeffer, ein Vorbild in seiner konsequenten Glaubenstiefe und Ergebenheit vor Gott.
Ich habe nachgelesen von seiner Verantwortungsethik, die dieser beeindruckende Pfarrer, der auch Professor war und tief drüber nachgedacht hat, wonach richten wir unser menschliches Leben, unser Leben als Christinnen und Christen?
Ich habe nachgelesen, wie Dietrich Bonhoeffer in seiner Verantwortungsethik den Widerstand begründet. Den Widerstand gegen die bösen Mächte dieser Welt – auch den gewaltsamen bis hin zum Tyrannenmord.
Es jährte sich der 20. Juli.
Von Staufenberg…
… und Dietricht Bonhoeffer – in Gestapohaft und ermordet von den Nazis, weil er Teil dieses Widerstands war.
So sehr ich ihn bewundere, und die Ernsthaftigkeit seines Ringens bestaune, die Konsequenz, die Bereitschaft sich selbst aufzugeben – in jeder Hinsicht…
Ich will nicht auf die Welt schauen und diesen Fragen fragen.
Dazu sind wir doch nicht gemacht!
Ein Satz, den sicher auch Dietrich Bonhoeffer so unterschreiben würde.
Dazu sind wir nicht gemacht.
Seine Entscheidung aus der Frage des Gewissens heraus bedeutete für ihn auch die Bereitschaft zu brechen mit allem, wofür er gemacht ist.
Wofür wir aber gemacht sind, davon erzählt aber Jesaja in unserem Predigttext.
Davon, dass unser „Haus des Herrn“ – unsere Gemeinschaft felsenfest steht als Ort der Sicherheit, an dem jeder und jede zu ihrem Recht kommt.
Wir bewirtschaften, wir pflegen dieses Haus.
Wir haben die Möglichkeit dafür zu sorgen, dass unser Haus der Anfang ist, der das Übel verhindert, bevor es zu groß wird. Bevor man mit seinem eigenen Sein zu brechen müsste um dem Rad der Geschichte in die Speichen zu fallen.
Jesaja erzählt davon, dass unser Haus des Herrn felsenfest steht.
Erzählt von dem Recht für alle da sein zu dürfen, Anteil zu haben, geliebt zu sein.
Schutz zu finden, weil Waffen in Werkzeuge, und Bedrohungen in Hilfe gewandelt werden.
Gott selbst wird diese Vision erfüllen.
Gott selbst wird diesen Frieden schaffen.
Dass müssen wir nicht.
Das können wir nicht.
Was wir aber können, und wozu wir berufen sind, wozu wir geschaffen sind ist selber so zu leben, wie es sich gehört, wenn wir wissen, dass DAS unsere Zukunft ist.
Jesaja schließt mit dem Ruf:
Auf, ihr Nachkommen Jakobs,
lasst uns schon jetzt im Licht des Herrn leben!
Lasst uns schon jetzt so leben als sei Jerusalem, der Zion und jeder Ort an dem wir Gott begegnen – das heißt, jeder Ort an dem wir sind, der Ausgangspunkt des Friedens für diese Welt.
Denn ihr seid das Salz der Erde,
ihr seid das Licht der Welt.
Lasst uns so leben.
Amen!
