Das Tamar-Dreifuss-Projekt in der Christuskirche

Wer in den kommenden Wochen die Christuskirche besucht, entdeckt dort eine raumfüllende Installation. Auf einer Fläche von 6×6 Metern nimmt sie beinahe die gesamte Fläche des Seitenschiffes, rechts vom Altar ein. Eine kompakte Skulptur dicht aneinander gedrängter Häuser. Ein in sich geschlossenes Ghetto. Sie ist das beeindruckende Ergebnis eines Lehrer-Schüler-Projektes an der Gesamtschule Hennef in der Meiersheide, welches für die Passionszeit in der Christuskirche zu Gast ist.

Aufsicht der Skultur bei der Präsentation in der Meiersheide. (Foto von der Homepage der Schule)

“Als ich diese Skulptur das erste Mal gesehen habe, war ich beeindruckt und ergriffen,” beschreibt Pfr. Niko Herzner seine erste Begegnung mit dem Projekt. Die raumfüllende Skulptur, die vom Gemälde “das Ghetto” von Samuel Bak inspiriert ist, bildet dabei die äußere Hülle für eine bewegende Ausstellung über die Holocausterfahrung von Tamar Dreifuss.

Tamar Dreifuss überlebte als kleines jüdisches Mädchen den Holocaust in Osteuropa. Mit zwei Jahren wurde sie zum ersten Mal vertrieben. Ein Jahr später, an Jom Kippur 1941, dem höchsten jüdischen Feiertag, erschossen Wehrmachtssoldaten ihre Großeltern. Mit vier Jahren kam sie in das Ghetto von Vilnius. Als sie fünf war, holten Soldaten ihren Vater. Wenige Tage später stieg Tamar mit ihrer Mutter in einen Viehwaggon…

Die schon an sich wirkungsvolle Skulptur ist begehbar. Ihre Räume sind gefüllt mit Erinnerungen von Tamar und multimedial ergänzt durch einen Audioguide. So tauchen die Besucher selber ein in die Lebens- und Rettungsgeschichte. Ein Ausstellungskonzept und dessen Umsetzung auf höchstem Niveau.

Auf dem Audioguide zur Ausstellung hört man Tamar selbst erzählen. Ein Schüler hat die heute 83 jährige Zeitzeugin besucht und interviewt. Sie erzählt von der Ankunft im Konzentrationslager, von ihrer Flucht, von Partisanen, die ebenfalls die Juden hassten, von ihrem Überleben. Sie überlebte mit ihrer Mutter. Ihr Vater jedoch war im Konzentrationslager Stutthof ermordet worden.

Tamar Dreifuss ist es wichtig ihre Geschichte zu erzählen – und zwar so, dass schon Schüler etwas von dem verstehen, was damals geschehen ist.

Nach ihrer Rettung verließen Tamar und ihre Mutter Vilnius und zogen 1948 nach Israel. Ende der 50er Jahre kam Tamar mit ihrem Mann nach Köln, der Arbeit wegen. Kein leichter Schritt in das Land zu ziehen, das für den Tod ihres Vaters verantwortlich war. 40 Jahre war sie dort Erzieherin im jüdischen Kindergarten. Im Ruhestand begann sie ihre Geschichte zu erzählen. Sie erzählte sie in einem Kinderbuch “Die wundersame Rettung der kleinen Tamar. 1944”. Und sie erzählte sie immer wieder vor Schülerinnen und Schülern, auch jahrelang in Hennef an der Gesamtschule in der Meiersheide.

Als sie 2021 erklärte, dass sie nun in die Nähe ihrer Kinder nach Bayern ziehen werde und nicht mehr die Kraft für die Besuche in der Schule habe, da ergriff eine Gruppe aus Lehrer*innen und Schüler*innen die Initiative und startete das Tamar-Projekt. “Es ist so wichtig, diese Geschichte weiter zu erzählen. Und zwar so lebendig, wie Tamar sie uns geschenkt hat,” drückt Christiane Liedtke ihre Motivation als Lehrerin aus. Und Tamar Dreifuss selbst sagte bei der Vorstellung der Skulptur: „Die Kinder müssen dieses Projekt sehen, ich bin so froh, dass ihr das gemacht habt.”

Tamar Dreifuss bei der öffentlichen Vorstellung der Ausstellung in der Mehrzweckhalle Meiersheide.

Durch die Ausstellung der Skulptur in der Christuskirche steht diese Möglichkeit vom 6. März bis 7. April nicht nur den Kindern, sondern allen offen.

Die Ausstellung ist geöffnet während der Zeiten der offenen Kirche, werktags von 16.00-18.00 Uhr. Sonderöffnungszeiten werden gegebenenfalls bekannt gegeben. Anfragen können an Pfarrer Niko Herzner gestellt werden.

Weitere Informationen

https://www.nsberatung.de/arbeitsbereiche/historisch-politische-bildung/zeitzeuginnen/tamar-dreifuss