Viele glauben an Gott – aber nicht so!
Barbara Frommann

Schulreferent in Bonner ‚Haus der Kirche‘ ist Helmut Siebert seit einem Jahr. Mit seiner Kollegin Dr. Beate Sträter ist der 53jährige in den drei evangelischen Kirchenkreisen in und um Bonn Ansprechpartner für evangelischen Religionsunterricht: Er berät Religionslehrer und Schulleitungen, führt Fortbildungen durch und hält Unterrichtsmaterialien für den Religionsunterricht vor.
Mit ihm sprach Pfarrer Stefan Heinemann.

Herr Siebert, das ist doch ein Widerspruch: In Deutschland gibt es die Trennung von Staat und Kirche. Dennoch wird an staatlichen Schulen Religionsunterricht in kirchlicher Verantwortung angeboten?
Den Eltern des Grundgesetzes war es nach der Zeit des totalitären Nazi-Regimes wichtig, Kirchen und Religionsgemeinschaften ganz generell freien Zugang zu Kinder und Jugendlichen zu ermöglichen – ohne direkte staatliche Kontrolle. Dies sollte eine Lebenshaltung befördern, die ein 4. Reich unmöglich macht. Deshalb auch ist der Religionsunterricht als einziges Lehrfach im Grundgesetz festgeschrieben.

Das ist der Blick in die Vergangenheit – welchen Sinn hat Religionsunterricht heute?
Zugegeben, von vielen Schülern und Eltern wird das Fach Religion nicht mehr als herausragend für Erziehung angesehen – ganz anders als Mathe oder EDV-Kenntnisse. Wenn der Mathematikunterricht ausfällt, engagieren sich die Eltern. Wenn Religion ausfällt, steht kein Elternteil auf der Matte.
Ich glaube aber, Religionsunterricht gehört zu einer umfassenden Bildung unverzichtbar dazu.

Wie würden Sie das Verhältnis von Schule und Kirche denn beschreiben?
An den Schulen gibt es in aller Regel ein großes Interesse am Religionsunterricht. Unterrichtende und Schulleitungen wissen um die Bedeutung dieses Fachs. Da erlebe ich als Schulreferent keine Illoyalität.
Es gibt aber – und das sollte uns Sorgen machen – immer mehr Unterrichtende, die selber keine positiven Lebenserfahrungen mit Kirche mehr haben. Das betrifft selbst Religionslehrer: Positive Erfahrungen mit einem lebendigen Gemeindeleben werden seltener – und der Religionsunterricht zum letzten Berührungspunkt mit Kirche.

Wo kann denn Religionsunterricht heute anknüpfen?
Der Unterricht muss niederschwellig ansetzen. Wie viele Evangelien es gibt oder wann Jesus gelebt hat, geschweige denn Martin Luther – das kann man nicht mehr voraussetzen!
Dennoch ist es so: Das Auftreten des Islams, esoterische Praktiken – religiöse Phänomene prägen das alltägliche Erleben der Schüler. Und viele glauben, dass es einen Gott gibt, eine Auferstehung und einen Himmel. Aber nicht mehr im Rahmen von Dogmen, wie sie die Kirche vorgibt.
Ich zitiere sinngemäß die EKD-Denkschrift „Religiöse Orientierung gewinnen“ aus 2014: Bei Schülern und Eltern ist eine schwindende kirchliche Bindung zu beobachten – aber zugleich das wachsende Bedürfnis, sich mit Religion auszukennen, weil sie den eigenen Alltag beeinflusst.
Also, nicht die Religiosität schwindet, sondern die Bindung an die Institution Kirche.

Wenn aber die Zahl der Kirchenmitglieder zurückgeht, wo liegt dann die Zukunft des Religionsunterrichts in NRW – steuern wir auf Berliner Verhältnisse zu?
In Berlin gibt es ein Fach ‚Lebenskunde und Ethik‘ für alle Schüler. Dieses Unterrichtsangebot wird auch nicht mehr kirchlich getragen – ich wünsche mir das nicht!
Ich favorisiere vielmehr einen ökumenisch orientierten Religionsunterricht – so wie er in Hamburg praktiziert wird. Der Unterricht dort wird von fast allen großen Religionsgemeinschaften gemeinsam verantwortet. Die konfessionell gemischten Lerngruppen lernen den christlichen Glauben kennen, aber auch andere Religionen – und das mit großer Kenntnis um die Unterschiede und mit hohem Respekt voreinander.
Leider beobachte ich dementgegen immer wieder ein binnenkirchlich geprägtes Denken, das vor allem das konfessionelle Profil des „eigenen“ Religionsunterrichtes schärfen will.

Aber katholisch und evangelisch – der Lehrer vorne müsste sich doch zerreißen?
Das denke ich nicht. Außerhalb von Amtsverständnis und Abendmahl trennt uns doch nicht mehr viel. Religionsunterricht kann ein Ort sein, um versöhnte Verschiedenheit unter Christen zu leben.
Zugegeben, in der Wahrnehmung der Schüler würde es unter Umständen stärker zu einem allgemeinen Christentum führen, das nicht mehr so stark konfessionell profiliert ist – aber es würde überhaupt zu einem christlichen Selbstbewußtsein führen! In Zukunft müssen wir uns im Religionsunterricht mehr noch der Wirklichkeit stellen, gemeinsam Impulse für den Lebensalltag zu entdecken, ohne einander konfessionell auszuspielen.

Wie ist das denn rechtlich geregelt: Auf welche Angebote an Schulen haben die Kirchen ein verbrieftes Anrecht?
(lacht) Ganz heikle Sache! Die christlichen Kirchen haben – neben Religionsunterricht und Kontaktstunde – kein Anrecht auf Angebote, die sie im Schulalltag gestalten. Das ist auch richtig so: Schule sollte ein werbefreier Raum sein, in dem die Bedürfnisse und Interessen der Schüler im Mittelpunkt stehen – nicht die wirtschaftlichen, finanziellen oder spirituellen Anliegen Dritter.
Schwer fällt das manchmal bei den Schulgottesdiensten. Schulleitungen sind nicht verpflichtet, Ortsgemeinden diese Möglichkeit einzuräumen. Und wenn der Anteil der christlichen Schüler deutlich unter ein Drittel fällt – dann sollten ehrlicherweise auch eher spirituelle Feiern angeboten werden, in denen sich alle wieder finden können.

Aber noch mal umgekehrt gefragt: Wenn das Interesse am Religionsunterricht abnimmt, warum sollte sich Kirche dann für den Religionsunterricht interessieren?
Der Religionsunterricht gibt oft den realistischeren Einblick in die reale religiöse Welt als es das Gemeindeleben bietet. In den Unterricht kommen Schüler, weil sie dazu verpflichtet sind – dort machen sie deutlich, was sie schon wissen und was sie bewegt. In der Gemeinde begegnen wir nur einen kleinen Teil dieser Jugendlichen – und stehen darum in der Gefahr, ein falsches Bild zu bekommen.
Meine Frau, die heute Pfarrerin in Meckenheim ist, erzählt aus ihren Unterrichtserfahrungen an der Berufsschule: Mit den jungen Erwachsenen dort über Glaube und Religion zu sprechen, war für sie erschreckend und faszinierend zugleich – aber die Schüler waren ausgehungert nach Antworten zu den Themen Spiritualität und Sinn des Lebens.
Sie wollen mehr wissen – brauchen dafür aber die richtige Form und den richtigen Ort. Und für viele ist das eben nicht der Sonntagsgottesdienst mit Orgelmusik und 20 Minuten Kanzelrede!
Es tut uns Kirchenmenschen gut, das immer wieder mal zu erfahren.