Schweiß auf meiner Stirn
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Meine siebenjährige Tochter treibt mir an diesem Tag den Schweiß auf die Stirn. Ich experimentiere mit Home-Office. Das heißt in diesem Fall, ich sitze am heimischen Schreibtisch, während Sarah gemütlich im elterlichen Doppelbett liegt und von da aus treffsicher Fragen an meinen Kopf wirft: Papa, wie viele Fans hat Gott? Wenn Jesus Gottes Sohn ist – was genau hat er dann mit Gott zu tun? Und – ist Gott damit einverstanden, dass die Christen ihn überall berühmt gemacht haben?
Auch wenn ihr großer Bruder in dieser Hinsicht schweigsamer war – meine Tochter ist kein Einzelfall. Kinder wie Sarah wollen es wissen. Alles. Auch über Gott und die Welt. Denn sie verlangen nach Orientierung. Deshalb stellen sie Fragen.

Kinder wollen es wissen. Alles!
Religionspädagogen sagen, hier lägen die Wurzeln von Religion und Glaube. Die Fragen der Kinder sind die treibende Kraft – und die Antworten der Eltern die Wegweiser. Dann können Kinder eigene Vorstellungen über sich, über die Welt und Gott entwickeln. Religiöse Erziehung geht gar nicht ohne dieses Frage-Antwort-Spiel. Die Menschen der Bibel erlebten das auch.
Die Urerfahrung der Menschen der Bibel mit Gott war die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei – davon sollten die Älteren den Jüngeren immer wieder erzählen. In 5. Mose 6,20f wird diese pädagogische Aufgabe literarisch eingeleitet mit der Frage eines Kindes: „Wenn Dein Sohn dich morgen fragt, dann sollst du ihm sagen: Wir waren Sklaven des Pharao in Ägypten …“ – und dann folgt eines der wichtigsten Glaubensbekenntnisse im Alten Testament.

Meine Tochter kennt die Geschichte vom Auszug Israels nur zu gut: Die Pyramiden im strahlend gelben Wüstensand – kontrastiert mit dem dunkelblauen Meer, das sich zweiteilt, als die Ex-Sklaven vor den Sklavenhaltern fliehen. Die Kinderbibel illustriert das in kräftigen Farben. Sie ist in unserem Haus kein besonderes Buch. Selbstverständlich steht die Kinderbibel im Regal neben den Was-ist-Was-Büchern über Ritter und Elektrizität. Unsere Kinder kennen die wichtigsten Geschichten.
Aber je älter sie werden, desto mehr fragen sie nach den Zusammenhängen dahinter. Aus Wissensfragen werden Glaubensfragen, auf die wir als Eltern persönlich und ehrlich antworten wollen. Das ist schweißtreibend wie eine Sauna. Und auch als Theologe habe ich mir über manche ihrer Fragen noch nie den Kopf zerbrochen: Wo war ich, bevor ich war? Wenn Gott keinen Körper hat, wie kann er dann leben? Kommt unser Hase auch in den Himmel, wenn er stirbt?

Aufgabe, vom Glauben zu erzählen
In der Bibel bekommen die Eltern – und mit ihnen alle, die Kinder erziehen – die Aufgabe, von ihrem Glauben zu erzählen. Das ist Voraussetzung dafür, dass unsere Kinder den biblischen Glauben als glaubwürdig, als bleibend aktuell erleben – und als etwas, das sie unmittelbar angeht.
Denn Religion ist gerade keine Privatsache – die Nachrichten in diesen Monaten sind der schlagende Beweis. Wie und wofür Menschen an Gott glauben, gehört öffentlich diskutiert. Es muss gesellschaftlich, politisch und pädagogisch verantwortet werden.
Daraus, dass in 5. Mose 6 die Eltern angesprochen sind, kann man folgern, dass schon damals an kindlichen Fragen kein Mangel herrschte – wohl aber an guten Antworten. Jedoch, die Kinder von heute sind die Eltern von morgen. Auch in Glaubensfragen müssen Kinder fit werden, selber eines Tages Antworten zu geben. Deshalb haben sie die besten Antworten verdient, die ich als Vater guten Gewissens geben kann.

Manchmal, manchmal macht das aber einfach auch nur großen Spaß. Wenn meine Kinder und ich ins theologisieren geraten – und uns Gedanken und Worte durch den Kopf schießen, die ganz neu sind: „Als Heiliger Geist ist Gott überall.“ – „Dann doch auch im Puppenhaus!“ – „Ähem, ja?!“
Und zum Glück haben Kinder dann auch ganz schnell wieder andere Fragen. Inzwischen haben sich Sarah und Aaron auf dem großen Doppelbett zusammen getan: Papa, kommst Du uns kitzeln? Na gut!
Viel Freude beim spielerischen Theologisieren und ernsthaften Toben mit Kindern wünscht Ihnen

Ihr Stefan Heinemann, Pfarrer