“Revolution!” singen Tracy Chapman und Maria
Juan Carlos Leva (pexels.com)

Sie ist die am häufigsten porträtierte Frau der Weltgeschichte. Ihr Bild hängt in Kirchen, Museen, Wohnstuben – und dieses Jahr sah man es in Deutschland sogar auf Demonstrationen. Darstellungen der Maria, der Mutter Gottes, gibt es viele.
Da ist die Pieta, die voller Trauer den Leichnam ihres Sohnes, abgenommen vom Kreuz, im Schoss hält.
Da gibt es die Madonna mit Kind. Huldvoll lächelnd. Thronend – fast wie eine Himmelskönigin.
Wäre weibliche Schönheit nicht mittlerweile als chauvinistische Kategorie verpönt, müsste man sagen, dass Maria dem christlichen Abendland immer schon als die Schönste galt: Die mit dem zärtlichen Herzen, dem milden Antlitz und der anbetungswürdigen Gestalt.
Die Maria des Magnificats aber trägt geradezu protestantische Züge. Denn sie protestiert. Sie macht ihrem Herzen Luft. Mehr noch, sie singt ein Lied von der Weltrevolution, sie ist eine Prophetin des Umsturzes.

Maria, die Teenager-Mutter, flüchtet
Vor all dem aber war Maria schlicht eine junge Frau aus Nazareth. So beschreibt sie der Evangelist Lukas. Eine unbescholtene junge Frau von vielleicht 16, 17 Jahren.
Glücklich verlobt war sie, wollte vermutlich bald heiraten – und stellt fest, dass sie schwanger ist. Eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe, das ist gesellschaftlich verpönt.
Und Sie können sich das vorstellen: Nazareth ist damals ungefähr so groß wie Lanzenbach oder Rott. Kein Wunder also, dass Maria erst einmal raus muss aus diesem sehr überschaubaren Ort, der schnell zu klein wird, weil sich rasch alle den Mund über sie zerreißen werden.
Maria flüchtet. Sie braucht jemanden zum Reden, zum Zuhören, zum In-den-Arm-Nehmen. Eine verwandte Seele, die ahnen kann, wie ihr zumute ist. Diese Person ist für Maria Elisabeth.
Das schwangere Mädchen, das in Gefahr steht, ins gesellschaftliche Abseits zu geraten, geht zu einer alten Frau, Elisabeth, die jahrzehntelang damit leben musste, innerhalb ihrer Ehe nicht schwanger zu werden;  war doch eine kinderlose Ehe damals ebenso verpönt wie ein uneheliches Kind.
Wie sich die beiden schwangeren Frauen, Maria, die Teenager-Mutter, und Elisabeth, die alte Frau mit Risiko-Schwangerschaft, wie sich die beiden dann begegnen, das ist oft gemalt, beschrieben, gezeichnet worden. Aber die meisten Darstellungen unterschlagen, dass Maria in diesem Moment singt.
Und Elisabeth womöglich in ihr Lied einstimmt. Es ist das ‚Magnificat‘ – so genannt nach seinen ersten Worten im Lateinischen: Magnificat anima mea dominum. Es preist meine Seele den Herrn. Magnificat!

Die Muttergottes will die Revolution
Was Maria hier singt, ist für unsere Ohren sehr ungewohnt. Aber Maria redet tatsächlich von einer Art Umsturz. Einer Weltrevolution, wie Gott sie plant.
Er kehrt das Unterste nach oben: Gott entthront die Mächtigen. Denen, die ganz unten stehen, hilft er hoch.
Die Hungrigen können sich endlich einmal den Bauch vollschlagen und die Reichen gehen leer aus.
Manche dieser Verse könnten auch aus dem Mund eines Che Guevara oder eines Wladimir Iljitsch Lenin stammen. Maria, eine Revolutionärin?! Ja, ich denke schon.

Der revolutionäre Tonfall jedenfalls ist nicht zu überhören: Der Lobgesang der Maria beginnt bei ihr selbst.
Doch schon nach wenigen Versen weitet sich der Inhalt auf das politische und soziale Schicksal ihres ganzen Volkes aus.
Für Israel wird Gott machtvolle Taten vollbringen: “Er zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer ausgehen.”

Das Lied, das Maria singt, setzt ein kritisches Nachdenken über die Situation voraus, in der das jüdische Volk damals lebt: Unterworfen durch das römische Imperium. Von Steuereintreibern und Zöllnern ausgequetscht. Systematisch in Überschuldung und Hungersnot getrieben.
Wenn Marias Lied dagegen protestiert, dann nimmt es ein Herzstück der Botschaft Jesu vorweg. In ihrer Zeit ist das Magnificat ein Lied des Widerstands. Denn es singt laut heraus, was unter römischer Herrschaft sonst nicht gesagt werden darf.

Das Magnificat ist ein Lied des Widerstands
Marias Revolutionslied besingt die totale Veränderung der Zustände und Verhältnisse, ja deren Umkehrung.
Aber: Gott veranstaltet diese Revolution! Niemand anderes. Und die Erhöhung der erniedrigten, ausgegrenzten Maria, das ist der Beginn der Befreiung des Volkes – durch Gott.

Diese Maria hat wenig zu tun mit der Muttergottes, der Madonna mit huldvoll geneigtem Haupt.
Vielmehr ist es eine Maria, die zusammen mit Elisabeth auf die Pauke der Weltrevolution Gottes haut.
Die beiden Frauen verkünden Gottes Option für die Armen. Die Erniedrigten, die Ausgegrenzten und Diskriminierten, denen fühlt Gott sich besonders nahe.

Was Maria selbst erlebt haben mag, das erklärt der Evangelist Lukas hier nicht.
Vielleicht liegt es daran, dass Maria zweifach in freudiger Erwartung lebt – in Vorfreude auf ihr Kind und auf Gott.
Vielleicht ist es so, dass wer ein Kind erwartet, seine Gefühle besonders intensiv durchlebt – und sich fragt: In was für eine Welt setze ich mein Kind? Kann es hier bekommen, was es zum Leben braucht?

Jedenfalls stellt sich Maria – durch Zitate und Rückgriffe – in den Zusammenhang von Erfahrungen anderer Frauen, aber auch von Erfahrungen ihres gesamten Volkes, das in seiner Mehrheit hungert. Maria ist eine aus diesem Volk. Sie kündigt die Weltrevolution Gottes an. Und sie gibt der Befreiung einen Namen: Jesus.

Der Vater Jesu ist ein parteiischer Gott
Und so beginnt die Geschichte Jesu hier mit Marias Lied auf diesen Gott des Umsturzes.
Der Vater Jesu ist ein parteiischer Gott, der nichts einfach lässt, wie es ist. Maria singt ihm ihr Lied.

Zugegeben, die große Revolution Gottes, sie steht noch aus. Gott hat gesagt, er will es tun. Weshalb es noch nicht geschehen ist – ich weiß es nicht. Etwas Geduld und Hartnäckigkeit sind wohl angesagt.
Das Magnificat enthält denn auch keine Handlungsanweisung für eine Revolution: Gott macht das so und so!
Vielleicht wäre das zu verführerisch für Menschen, ihm vorgreifen zu wollen. Gewaltsames Herbeizerren der neuen Welt, das ist aber wohl nicht der Weg. Darum will das Magnificat nicht Gebrauchsanweisung sein.

Dennoch: Was wir nicht tun sollen, ist still im Eckchen sitzen und auf bessere Zeiten warten.
Ich denke, wir sollten uns Maria zum Vorbild nehmen. So wie Tracy Chapman.
Tracy Chapman ist eine afroamerikanische Sängerin. Eines ihrer bekanntesten Lieder heißt “Talkin’ bout a revolution” – “Reden von einer Revolution”.
Tracy Chapman singt – ähnlich wie Maria – von mittellosen Menschen.

Die ersten Liedverse von Tracy Chapman erinnern stark an Marias Magnificat – ob absichtlich oder unbewusst, das sei dahingestellt.
Tatsache ist: Tracy Chapman macht mit politischen Liedern auf soziale Not aufmerksam.
Tracy Chapman singt von Menschen, die bei der Fürsorge Schlange stehen. Sie benennt das Elend der Situation, singt von betroffenen Menschen.
Und sie verheimlicht nicht den Respekt oder gar die Angst vor einer Revolution dieser Menschen: Die Armen werden sich erheben, und sich nehmen, was ihnen gehört. Ahnt ihr nicht, dass ihr lieber weglaufen solltet, weglaufen, weglaufen…

Das ist die Pointe, die Tracy Chapman fehlt
Darin sind sich Tracy Chapman und Maria einig – sie erwarten die Revolution, die die Armen aus ihrer Bedrückung befreit und die Verhältnisse umkehrt.
Uneins sind sie sich darin, von wem diese Revolution ausgeht. Das ist die Pointe, die Tracy Chapman fehlt – und die Gewissheit, die Maria hat: Rettung ist nichts nur Erkämpftes oder Erzwungenes, sondern etwas Geschenktes. Wenn Gott in die Welt kommt, müssen die Menschen die Welt nicht selbst retten. Dafür gibt es Gott. Das ist Weihnachten.
Das zu glauben fällt der modernen Gesellschaft, die alles durchschaut, auch die Religion, schwer. Aber jedes Jahr an Weihnachten zeigt sich, wie groß die Sehnsucht doch ist: nach einem, wie ein ostdeutscher Bischof einmal sagte, „alternativen Orientierungshorizont”. Oder schlicht: danach, gerettet zu sein. Durch Gott. Der Revolution macht.

Wie auch immer man dazu steht, eins kann man aus diesem Vergleich der beiden Lieder jedoch mitnehmen: Singt! Singt aus Herzenslust.
Denn singen ist allen Menschen möglich, ist allen Menschen erlaubt – egal ob wir musikalisch sind oder nicht, ob wir laut mit Maria oder Tracy Chapman singen, ob wir adventliche Melodien mitsummen  oder die Weihnachtslieder laut und falsch mitgrölen. Wir dürfen sie mit Leib und Seele genießen.

Und wenn wir schon singen – wie wäre es, ab und zu, zwischendurch vielleicht auch mal ein revolutionäreres Lied anzustimmen – selbst oder gerade in der Adventszeit, die eben nicht nur Weihnachtsvorfreude und Einkaufsrausch, Kerzen und Glitzer bedeuten muss.
Zwischendurch ein Lied, das zum Umdenken auffordert – nicht nur im trauten Kreis einer Familie oder Gemeinde, sondern vielleicht an unpassender Stelle, dafür umso lauter und überzeugter.
Mehr haben Maria und Elisabeth damals auch nicht getan, als von Gottes Weltrevolution – zu singen! Amen.

Diese Predigt über Lukas 1,46-55 hielt Pfarrer Dr. Stefan Heinemann am 4. Advent 2019 in der Hennefer Christuskirche.