Predigt zu Pfingsten: Happy birthday, liebe Kirche!
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Liebe Gemeinde, ein Toast! Eine Geburtstagsrede: Happy birthday, liebe Kirche!
Du hast heute Geburtstag. Den 1988.?
Alt bist Du geworden – und auch ein wenig hüftsteif?! Happy birthday, liebe Kirche!

Ich würde Dir heute gerne aus voller Brust gratulieren.
Aber die Glückwünsche gehen mir dieses Jahr nicht leicht über die Lippen.
Da ist so viel, was in den letzten Wochen passiert ist.
Und ich frage mich: Bist Du noch die, die Du mal warst?
Lebst Du noch mit dem Enthusiasmus, dem Mut und der Kraft, die Dich von Geburt an ausgezeichnet haben?
Liebe Kirche, schau nicht gleich so kritisch. Lass mich erklären, was ich meine.

Rückblick auf Pfingsten: Wie ist der Geist?
Dein Geburtstag war ein wunderbarer Tag: Zu Pfingsten in Jerusalem, da ist etwas gescheh’n.
Wo eben noch verrammelte Türen waren, standen sie jetzt sperrangelweit offen.
Die Freunde Jesu strömten auf die Straße.
50 Tage hatten sie sich in Selbstisolation begeben. Angst hatte sie beherrscht.
Todesangst. Dass es ihnen so ergeht wie Jesus.
Aber dann kam der Geist, der von Angst befreit. Weil er ihnen sagte: Der Tod ist tot!
Gott hat alles besiegt, was euch noch Angst machen könnte! Im Leben und im Sterben!
Jesus lebt! – Und ich, sein Geist, bin mitten unter Euch!
Das ist ein Geist, der Mut macht. Der mitreißt und begeistert.
Denn die Sache Jesu braucht Begeisterte.
Der Geist Gottes, der angstbefreit leben lässt.
Das war Dein Geburtstag, liebe Kirche. Ein wunderbarer Tag.
Weil Menschen sich mitreißen ließen. Die Angst hinter sich ließen.
Und mutig vom Leben im Angesicht des Todes sprachen.
Leid und Tod sind ja nicht vorbei. Aber sie sind überwunden!
O Tod, wo ist dein Stachel nun?

Corona ist nichts Neues – unser Umgang schon!
Liebe Kirche, Du müsstest das ja wissen in Deinem Alter: Corona ist nichts Neues.
Pandemien gibt es schon seit immer.
1957/58 die ‚Asiatische Grippe‘ – weltweit starben mehr als eine Million Menschen – davon angeblich 30.000 in Deutschland.
„Angeblich“ weil, so genau hat man damals nicht gezählt. Und die Schulen blieben offen.
1968 dann die Hongkong-Grippe – weltweit 800.000 Tote.
Und noch davor, vor 100 Jahren die Spanische Grippe.
Und die Pest und die Cholera und die Tuberkulose.
Nein, Corona ist so ungewöhnlich wie der Einschlag eines mittelgroßen Asteroiden: In unserer Lebenszeit ein Ereignis, in der Weltgeschichte nicht einmal aufsehenerregend. Ein handelsübliches Lebensrisiko.
Nur, haben wir das vergessen? Dass Krankheit und Leid nicht ausgerottet sind – und uns der Tod immer bedroht?
An Corona ist nichts Neues. Neu ist der Umgang damit – in Gesellschaften weltweit.
Das gab es so noch nie. So schnell. So hektisch. So angstvoll?

Wir hätten uns bewusst sein können, dass Experten seit Jahren vor einer solchen Pandemie warnen.
Wir sollten uns bewusst sein, dass Experten sagen: Es gibt noch bis zu 40 weitere solcher Viren, die in Tierkörpern nur auf die Gelegenheit warten, auf den Menschen überzuspringen.
Corona ist nichts Neues. Du weißt das! In Deinem Alter, liebe Kirche! Happy birthday!

Liebe Kirche, bist Du systemrelevant?
In Deinem Alter gehörst Du ja definitiv zur Risikogruppe?!
Jedenfalls konnte man den Eindruck gewinnen, Du wurdest in den letzten Wochen nicht mehr ganz ernst genommen.
Altersbedingt? Systemrelevant warst Du jedenfalls nicht: Als Ritterschlag der Systemrelevanz galt in den ersten Krisenwochen ja, ob man sein Kind in die Notbetreuung geben durfte. Auf der Liste der wirklich wichtigen Berufe standen auch Steuerberater und Mitarbeiter des Bundesamtes für Immobilienangelegenheiten. Aber keine Krankenhausseelsorger, keine Notfallseelsorger – geschweige denn Geistliche überhaupt.
Nicht systemrelevant, meine Alte. Das ist anders als früher: Du gehörst jetzt zu Kultur und Jedöns.
Trifft dich diese Zuschreibung von außen? Erkennst Du Dich darin wieder?
Oder siehst Du selber das anders? Und falls ja, was machst Du daraus?

Ein falscher Bibeltext: Jesus und die Aussätzigen
Happy birthday, liebe Kirche! Zu jedem guten Geburtstag gehören Partyspiele.
Das hier ist meins für Dich: Drei Bibeltexte. Und Du musst raten: Richtig oder falsch? Okay? Los geht’s!
Und es begab sich, dass eine schwere Seuche die galiläischen Städte heimsuchte.
Damit die Kranken nicht die Gesunden ansteckten, wurden sie vor die Stadtmauern getragen.
Jeder Kontakt mit ihnen wurde schwer bestraft.
Da ging ein frommer Mann namens Johannes zu dem Wanderprediger Jesus, von dem er viel Gutes gehört hatte und der die Menschen befreien wollte. »Rabbi«, sprach er, »draußen vor der Stadt leiden viele Menschen. Niemand kümmert sich um sie. Magst du nicht zu ihnen gehen und mit ihnen ein Wort sprechen?«
Da herrschte Jesus ihn an: »Satan, weiche hinter mich! Was für eine höllische Idee! Ich würde mich anstecken und dann vielen Menschen den Tod bringen!«
Johannes aber erschrak über sich selbst. »Du hast ja recht, Meister. Wie dumm von mir!«

Ja, liebe Kirche! What would Jesus do? Was würde Jesus tun?
In der fünften Corona-Woche rief mich eine Tochter an: Ihre Mutter liege im Sterben.
Im Krankenhaus in Troisdorf. Ob ich ihr nicht beistehen könne?
“Nein, ich komm da nicht rein”, habe ich gesagt. Und habe sie an den katholischen Krankenhaus-Seelsorger vor Ort verwiesen. Ich hoffe nur, der durfte zu ihr.
Oder die hochbetagte Mutter eines entfernten Bekannten, die wochenlang im Krankenhaus lag (kein Corona!), schließlich starb – und ihren Sohn, selber Arzt, nicht mehr sehen durfte.
Oder mein Abikollege, der vor fünf Wochen in den Freitod ging. Hatte schon lange schwere Depressionen. Aber gerade jetzt?

Ist Menschlichkeit nicht mehr als Schutz des menschlichen Lebens?
Und entsprach ‚social distancing‘ immer dem Willen derer, die ‚geschützt‘ werden sollten?
In Deinen Mauern, liebe Kirche, beten wir so gerne für die Einsamen, für die am Rande.
Aber haben wir ihnen beigestanden, also bei ihnen gestanden in den letzten Wochen?
Oder sind wir auf soziale Distanz gegangen?
In Italien sind über 100 Priester an Corona gestorben – wohl so viele wie Ärzte.
Die fast durchweg älteren Priester hatten sich um Kontakt zu den Infizierten bemüht, mit ihnen Kommunion gefeiert – und sich selber angesteckt.
What would Jesus do? Was würde Jesus tun?

Ein falscher Bibeltext: Trefft Euch nicht!
Okay, zweite Runde. Neues Spiel, neues Glück! Ein Ausschnitt aus dem 3. Korintherbrief. Der Apostel Paulus schreibt:
Liebe Schwestern und Brüder,
noch einmal ermahne ich euch: Versammelt euch nicht! Bleibt einander fern.
Denn die Gefahr für euer Leib und Leben ist zu groß.
Ihr wisst, was ich selber erlitten habe:
Fünf Mal wurde ich ausgepeitscht, drei Mal mit der Rute geschlagen, einmal wurde ich gesteinigt.
Solche und andere Gefahren bringt Ihr aufeinander, wenn ihr euch versammelt und Aufmerksamkeit auf euch zieht. Tut das nun nicht mehr.
Bleibt in eurer Kammer und betet dort still – jeder für sich.
Das muss uns als Glaubenszeugnis genügen.
Hinterher würde man uns sonst in der Zirkusarena den Löwen vorwerfen.

Weißt Du, liebe Kirche, ich habe dieser Tage zurückgedacht. Welche Geschichte meine Familie mit Dir hat.
Vor 100 Jahren war mein Urgroßvater Pfarrer im Sauerland. Im Hungerwinter 1917 radelte er über die Dörfer, um von den Bauern Milch für seine neugeborene Tochter zu erbetteln. Aber Paul Koch feierte Gottesdienste. Zwei Jahrzehnte später saßen da Nazi-Spitzel mit drin, die eifrig mitschrieben.
Mein Großvater, als 1938 die Synagogen brannten, feierte Gottesdienst in Wuppertal – und später im Kriegsgefangenenlager in den USA. Als 1986 die radioaktiven Wolken von Osten über’s Land zogen, die Menschen Babynahrung horteten und wir nicht im Sandkasten spielen durften wegen der Kontamination, die tödlich sein konnte – feierte mein Vater Gottesdienst.
Das haben wir nun allen Generationen vor uns voraus: In 2.000 Jahren Kirchengeschichte wurde zum ersten Mal im ganzen Land zu Ostern keine Gottesdienste gefeiert.
Corona ist nichts Neues. Aber das ist neu! Das war noch nie da!

Und nachdem Du diesen historischen Einschnitt vorgenommen hast, liebe Kirche, wundere ich mich über zweierlei:
Du bist so stolz auf Deine biblischen und historischen Vorbilder im Glauben.
Ohne diese Menschen, die ihr Leben in Gefahr brachten, nur um von Dir zu erzählen – es würde Dich gar nicht geben:
Petrus und Paulus, die von Kaiser Nero hingerichtet wurden.
Martin Luther, der in Worms dem Kaiser ins Gesicht sagt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“
Dietrich Bonhoeffer, der dem „Rad in die Speichen fiel“.
An Gründonnerstag hast Du seinen Märtyrertod gefeiert, der 75. Todestag eines evangelischen Heiligen – ohne Gottesdienst und ohne Abendmahl, versteht sich. War einfach zu gefährlich.
Traust Du Dich in Zukunft, liebe Kirche, solche Namen noch im Mund zu führen?
Welches Recht hast Du jetzt noch dazu?

Und ich denke an Deine Zukunft, liebe Kirche.
Ich habe noch nicht verstanden, nach exakt welchen Kriterien Du entschieden hast, Deine Gottesdienste abzusagen. Denn nachdem es einmal so war, unter welchen Umständen wirst Du wieder auf Gottesdienste verzichten wollen können?
Jetzt, wo es einmal möglich war, wirst Du das sicher wieder gefragt werden: Wie entscheidest Du dann? Und warum?

Halb zog sie ihn, halb sank sie hin – Du hast auf Deine Gottesdienste oft ganz freiwillig verzichtet, liebe Kirche, noch bevor das staatliche Verbot am 23. März kam.
Aber ganz ehrlich, gemessen am Geist von Pfingsten – man könnte meinen, es hat Dir nicht besonders weh getan, oder irre ich mich?

Ein falscher Bibeltext: Psalm 23a
Noch ein Text. Vielleicht kennst Du den?
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Du führest mich auf grünen Wiesen und zum frischen Wasser immerdar.
Für mich gibt es keine dunklen Tälern.

Dein Stecken und Stab braucht es nicht.
Denn Du führst mich immerfort im Licht.

Liebe Kirche, schon vor der Krise sagten kritische Kirchenvertreter, Du würdest manchmal wirken wie ein „Verein zur Verbreitung von Lebenszuversicht“, getragen von unverbindlicher „Gemeinwohlrhetorik“. Das, was man bei Dir hören würde, könnte man genauso gut bei Kanzlerin und Bundespräsident erfahren.
Ich glaube, Du kannst mehr. Nur habe ich es zuletzt kaum von Dir gehört.
Du weißt doch, dass es das Kreuz gibt, weil der Tod unausweichlich ist und das Leid in der Welt bleibt.
Du weißt doch, dass Jesus am Kreuz starb – nicht um das Leid in dieser Welt abzuschaffen. Es ist immer noch da.
Er starb, um zu zeigen, dass dieses absurde, leidvolle Leben nicht alles ist.
Und dass wir eine andere Hoffnung haben.
Dafür sind die Jünger an Pfingsten vor die Tür gegangen.
Das war der Geist, der Dich zum Leben erweckte, liebe Kirche.

Hast Du Dich getraut, das laut zu sagen – in einer Gesellschaft, die sich plötzlich in der Hybris verfing, dass jedes Leben „unendlich wertvoll“ sei?
Dass nicht die Menschenwürde und nicht die Menschlichkeit, sondern das schiere Leben um jeden Preis geschützt werden müsse?
Dass es Dir aber nicht darum geht, Körper zu retten, sondern Seelen?
Weil sie den Leib am Ende nicht werden retten können?
Darf man das dann sagen?! Einfach nur, weil Pfingsten ist.

Ein echter Bibeltext: 1 Petrus 5,7-11
Happy birthday, liebe Kirche!
Alt bist Du geworden – und ein wenig hüftsteif?!
Ich würde Dir heute gerne aus voller Brust gratulieren.
Aber das fällt mir gerade nicht leicht.
Weil ich so viele Fragen habe – und keine Antworten darauf.
Ich bin innerlich noch nicht bereit, diesen Stachel im Fleisch loszulassen.
Und ich habe nicht den Eindruck, dass Du schon realisiert hast, was die letzten Wochen verändert haben:
Volkskirche sein und prägende Institution der Gesellschaft.
Vorbei! Der gemeinsame Gottesdienst als unaufgebbares Zentrum der Gemeinde. Stimmt das noch?
Und das Kreuz als Zentrum unserer Theologie?

Liebe Kirche, ich wünsche Dir von Herzen, dass Du wieder die wirst, die Du mal warst. Dass Du lebst mit dem Enthusiasmus, dem Mut und der Kraft, die Dich an Deinem Geburtstag beflügelt haben!
Vielleicht hilft Dir ja dieser Bibeltext – der ist jetzt wirklich echt.
Simon Petrus, der Jesus drei Mal verriet und zum ‚Fels der Kirche‘ wurde, der schreibt:
Alle eure Sorge werft auf Gott; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder und Schwestern in der Welt kommen.
Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.
Ihm sei die Macht in alle Ewigkeit! Amen.

Happy birthday, liebe Kirche!

 

Diese Predigt hielt Pfarrer Dr. Stefan Heinemann in der Hennefer Christuskirche im 9.30 Uhr-Gottesdienst am Pfingstsonntag, 31. Mai 2020.