Nicht Erinnerung, sondern Lebensgefühl
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„Die Evangelische Kirche im Rheinland (EKiR) legt das Hauptaugenmerk 2017 nicht auf die Erinnerung eines historischen Ereignisses, den sogenannten Thesenanschlag Luthers am 31. Oktober 1517 in Wittenberg“, sagte Präses Manfred Rekowski zum Auftakt des Reformationsjubiläums im Herbst 2016. Sondern unsere Landeskirche feiert das ‚500 Jahre Reformation‘ unter dem Motto: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit!“ Dieser Satz drückt ein Lebensgefühl aus, das sich aus der Botschaft der Reformatoren herleitet. „Denn auch den Reformatoren ging es darum, dass der Glaube mitten ins Leben und ins Herz trifft“, sagt Pfarrer Martin Engels, Projektleiter für das rheinische Reformationsjubiläum.

Der Satz „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit“ stammt vom niederrheinischen Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch (1925 – 2005) – genauer gesagt aus einem Psalm, den Hüsch gedichtet hat. Hier wurde er vertont von Waldemar Grab. Das Motto folgt damit dem Anspruch, den sich die EKiR für 2017 gegeben hat: Die Kernbotschaft der Reformation ins Gespräch zu bringen, nämlich sich in unserer Zeit an Gottes Wort zu orientieren.

Hüsch: Lebensgefühl des Gottvertrauens
Das Schwere leicht gesagt – mit dieser konnte Hanns Dieter Hüsch Menschen begeistern. Seine Erzählungen fassen den Alltag der Menschen in Farbe. Hüsch weiß um die Lebensthemen, die Sorgen machen und umtreiben können. Er bringt zum Nachdenken und – zum Lachen.
Hüschs Satz vom „vergnügt, erlöst, befreit“ beschreibt dabei ein Lebensgefühl, das der reformatorische Impuls bei evangelischen Christinnen und Christen heute auslösen soll. Seine Worte beschreiben Menschen, die Gott vertrauen und dabei vergnügt leben, die ihren Glauben als freie Menschen in der Welt leben und davon erzählen.

Gauck: Freiheit ist zentraler Begriff
In der Reformationszeit wurde die Gnade Gottes zum wichtigsten Thema des Glaubens. Denn die Reformatoren erkannten in der unverdienten Liebe Gottes viele Momente der Befreiung: Befreiung vom Bild des strafenden Gottes, Befreiung von einer bevormundenden Kirche des Mittelalters, Befreiung von der Doppelmoral des Ablasshandels.

Die Freiheit als zentralen Begriff hat darum Altbundespräsident Joachim Gauck zum Auftakt des Reformationsjubiläumsjahres am 31. Oktober 2016 ins Zentrum seiner Ansprache gestellt: Wenn Luther und andere Reformatoren herausarbeiten, dass der Mensch nicht durch die sklavische Befolgung des ihm auferlegten Gesetzes die Gnade Gottes gewinnt, sondern „durch seine freiwillige Bindung an das Evangelium, dann kommt ein frischer Wind der Freiheit in diese Welt – hier kann man wirklich von einem ‚wind of change‘ sprechen“, so der ehemalige Rostocker Pastor. So sei die reformatorische Entdeckung der biblisch begründeten Freiheit des Einzelnen ein Teil der langen europäischen Freiheitsgeschichte, aus der Emanzipation und demokratische Teilhabe erwachsen seien.
Deshalb, so Gauck, geht die Reformation uns alle an: Evangelische Christen und bekennende Atheisten, katholische Mitchristen genauso wie muslimische Mitbürger. Sie ist weniger Erinnerung als ein Ruf zur Freiheit. Für Christen aber begründet sie ein Lebensgefühl in Gottvertrauen: Vergnügt, erlöst, befreit!

Stefan Heinemann