Mit Luther im Liegestuhl?
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Man kann dem Reformationszeitalter viel nachsagen. Aber nicht, dass es ruhig gewesen wäre. Im Gegenteil. An allen Ecken und Enden brodelte es: Auf den Straßen, in den Wirtshäusern und in den Studierstuben wurde debattiert und gestritten, in den Kirchen lautstark geeifert. In vielen Gegenden gab es Aufruhr und Gewalt und die Reformatoren begegnen uns nicht selten als Getriebene, die ohne Unterlass und ohne Rücksicht auf die eigenen Gesundheit oder auf die Familie für die Wahrheit schrieben und kämpften.
Ist es da nicht widersinnig, in Bezug auf die Reformatoren an so etwas wie Ruhe, Stille und friedliche Besinnlichkeit überhaupt nur zu denken? Kannte die Reformation so etwas überhaupt?

Luther im Liegestuhl?
Zugegeben: Es fällt schwer, sich Luther, Zwingli oder Calvin in einem Liegestuhl vorzustellen, mit bunter Badehose und einer Sonnenbrille auf kurzsichtigen Augen sowie eine kühle Piña Colada in der Hand. Oder beim Sonntagsspaziergang am Wittenberger Elbufer, am Genfer See oder an der Limmat in Zürich, die Frau im Arm, die Kinder tollen herum und der Hund schnuppert in hohem Gras einer interessanten Spur hinterher. Aber es gab sie, die „Auszeiten“ auch in den hektischsten Momenten. Und zwar nicht nur, wenn Luther zur Laute griff oder Zwingli sich zur Plauderei mit Freunden traf.

Dass der Sonntag zu heiligen und in Ruhe zu verbringen ist, war für die Reformatoren keine Frage. Gottes Gebot musste eingehalten werden. Im Genfer Katechismus, den Calvin 1537 verfasste, nennt er drei Gründe dafür: Es muss für alle einen Tag der Erholung von der Mühsal geben; es ist nötig, einen festgesetzten Tag zu haben, an dem man zum Gottesdienst zusammenkommen kann; vor allem aber soll die Möglichkeit gegeben werden, dass man sich von der Arbeit lösen und ganz auf Gott konzentrieren kann, damit dieser im Menschen ungehindert wirken kann.

Noch ausführlicher behandelt Luther das Thema, als er sich 1520 mit der Frage auseinandersetzt, was die guten Werke für eine Rolle spielen, wenn es doch bei der Rechtfertigung gar nicht auf sie ankommt. Das Gebot der Feiertagsheiligung schließt für ihn das Verhältnis Mensch-Gott ab: Geht es im 1. Gebot („Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“) um das, was das Herz des Menschen an Gedanken bewegt, und im 2. Gebot („Du sollst den Namen des Herrn nicht missbrauchen“) um das, was der Mensch mit seinem Wort alles anrichten kann, so geht es im 3. Gebot um die Werke, die man dem Herrn gegenüber verrichten soll (die Werke gegenüber den Mitmenschen kommen dann in den nächsten Geboten dran). Diese Werke sind der äußere Gottesdienst, der innere Gottesdienst mit dem Herzen, die Predigt und schließlich das Gebet, dem sich Luther intensiv widmet und dem er eine große Kraft zuschreibt (Luther hat übrigens auch, als er nicht mehr Mönch war, am Stundengebet der Augustiner festgehalten, so wichtig war ihm das regelmäßige Beten und darin.zur-Ruhe-Kommen). Den Sonntag zu heiligen heißt daher bei Luther, dem Glauben in Gedanken, Worten und Werken ausdrücklich Raum zu geben und Gottes Werk gegenüber allem Menschenwerk die Ehre zu erweisen, die ihm gebührt.

Gebet, Stille und Meditation erleben
Luther hat das Gebet, die Stille, die Meditation aber noch in viel tieferer Weise betont. Er schrieb, ein Theologe werde dann Theologe – und damit meinte er alle Christen! – wenn er Gebet, Meditation und Anfechtung lebe und erfahre. Zu beten, mit Gott zu reden, und zwar durchaus auch bei der Arbeit, setzt das Leben immer wieder ins rechte Verhältnis zu Gott und der Welt und verschafft in aller Alltags¬hektik die Ruhe, die das hebräische „Shalom“ meint, das Heilsein, den inneren Frieden; zu meditieren, also dem Wort Gottes intensiv nachzudenken, und zwar immer und immer wieder, lässt die Bibel Neues reden und Neues am Leser und Hörer entdecken, was der noch gar nicht über sich wusste. Und die Anfechtung als Gegenteil der Glaubensgewissheit zeigt auf, wie tröstend und befreiend das Wort Gottes ist, wenn es für mich gewiss ist.
Ruhe ist nicht des Christenmenschen erste Pflicht. Sie ist das Geschenk, das Gott durch sein heilsames Wort gibt. Dem gilt es mindestens am Sonntag im Gottesdienst Raum und Zeit zu geben und den Gott zu feiern, der will, dass der Mensch zum Shalom kommt. Nicht nur mit Piña Colada und Sonnenbrille im Liegestuhl oder beim Spaziergang an der Sieg – das auch! Aber vor allem mitten im Alltag.

Text: Athina Lexutt; Foto: pixabay.com