Kirche nicht für, sondern mit anderen!

Rekowski 2015„Wir sind Einwanderungsland – schon seit langem“,  mahnte  Präses  Manfred  Rekowski  an. „Aber was dieser tiefgreifende gesellschaftliche Wandel für uns als Kirche bedeutet, das haben wir bislang nur ansatzweise bedacht.“ So selbstkritisch gab sich der leitende Geistliche unserer Landeskirche  bei  der  Eröffnungsveranstaltung des  Beratungsprozesses  „Interkulturelle  Öffnung“ Mitte September.
Unter den Menschen, die nach Deutschland zuwandern, sind viele Christen. Offizielle Statistiken  sprechen  von  Jahr  zu  Jahr  zwischen einem  Viertel  und  über  der  Hälfte  aller  Zuwanderer.  Wollen  evangelische  Gemeinde diese  als  Mitchristen  bei  sich  willkommen heißen, müssen sie bereit sein, sich zu verändern – sei es in der Arbeit mit Kindern, in der Diakonie  oder  im  Gottesdienst.  Doch  derzeit ist evangelische Kirche meist noch die Kirche der schon lange Einheimischen.
Die Kirchenlei
tung  der  Evangelischen  Kirche  im  Rheinland (EKiR)  hat  darum  einen  moderierten  Beratungsprozess beschlossen, der bis 2018 landeskirchenweit für Diskussionsstoff sorgen wird.
Zur  Eröffnungsveranstaltung  in  Wuppertal referierte  Klaus  Bade,  Nestor  der  deutschen Migrationsforschung.  „In  Wahrheit  sprechen wir  nicht  von  einer  Flüchtlingskrise“,  so  der Emeritus, „sondern von einer Weltkrise, für die wir in Europa eine Mitverantwortung tragen.“
Der Migrationsdruck werde anhalten. Aber für Deutschland sind das gute Nachrichten: Nach demographischen  Berechnungen  braucht Deutschland 1,2 bis 1,4 Millionen Zuwanderer jedes Jahr, um seine Altersstruktur zu erhalten. „Ohne solche Zuwanderung brechen die sozialen Sicherungssysteme unseres Landes bald zusammen“, spitzte Bade zu.
Als  Historiker  schaute  der  Migrationsforscher auch in die bundesdeutsche Vergangenheit: „Als 12 Millionen Vertriebe kamen, dann sechs Millionen Gastarbeiter, dann fünf Millionen Übersiedler aus der DDR und zuletzt vier Millionen Spätaussiedler – immer gab es zuerst den  öffentlichen  Aufschrei:  ,Das  schaffen  wir nicht!‘ Aber im Rückblick …“
Doch interkultureller Umgang ist auch eine Herausforderung.  So  formulierte  eine  Ehrenamtliche  aus  der  Kirchengemeinde  Büchenbeuren auf dem Hunsrück, die dort ein Begegnungs-Café  für  Flüchtlinge  und  Einheimische betreut: „Es braucht Überwindung, immer wieder auf den Anderen zuzugehen.“
„Interkulturelle  Öffnung  ist  kein  akademisches  Sandkastenspiel,  sondern  harte  Arbeit“, gab Präses Rekowski seinen Zuhörern darum mit. „Denn sie bringt Unruhe und Bewegung.“
Rekowski, der selber als Fünfjähriger aus Masuren  nach  Deutschland  kam,  schwor  seine Landeskirche darauf ein, nicht nur Kirche für andere  zu  sein:  „Zuwanderer  sind  nicht  bloß Objekte  unserer  Bemühungen.“  Christen  aus anderen Ländern und Kulturen stellten hiesige Gemeinden vielmehr vor die Aufgabe, Kirche mit anderen zu sein. „In der Historie hat unsere Kirche von Zuwanderern profitiert“, erinnerte Rekowski. „Wie wird es uns heute bereichern und verändern?“
Wo  schon  Neues  erprobt  wird,  zeigte  der Austausch unter über 100 Fachleuten in Wuppertal.  Um  diese  Diskussion  voranzutreiben, hat die Landeskirche das Werkbuch „In Vielfalt leben“ publiziert: Auf knapp 100 Seiten werfen Experten Fragen auf, die 2018 in einer Standortbestimmunge  der  EKiR  in  der  Einwanderungsgesellschaft  münden  sollen.  Auf  http://interkulturell.ekir.de  können  das  Werkbuch und die Online-Diskussionen eingesehen werden. Wie Migrationsforscher Klaus Bade sagte: „Die  Zukunft  –  und  die  Diskussion  darüber  – haben gerade begonnen!“