Fünf waren naiv … – aber warum?
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Liebe Schwestern und Brüder,
die Tür war zu! Ich rüttelte daran, aber sie war ins Schloss gefallen und ich kam nicht mehr herein.
Dabei hatte man uns zu Beginn der Tagung noch den Tür-Code genannt und ausdrücklich darauf hingewiesen: Ab 20 Uhr ist die Pforte des Tagungshauses nicht mehr besetzt. Aber in meiner Naivität hatte ich mir den Code irgendwo notiert – und dann liegen gelassen.
Alles Klopfen, Rütteln, Rufen blieb ohne Erfolg. Ich stand vor dieser Tür und kam nicht rein. Ich war zu spät dran – und ich kannte den Code nicht.
Es war pures Glück, dass nach fünf Minuten ein anderer Gast durch die Eingangshalle ging, mich sah und mir die Tür aufmachte. Er kannte mich – vom Sehen.
Meine Frustration wich der Erleichterung – aber den ganzen Abend ließ mich die Frage nicht los: Wie konntest Du nur so naiv sein, so selbstsicher? Wo ist dieser Zettel hingekommen?
Und – wie peinlich war das denn! – wann hast Du den entscheidenden Fehler gemacht, dass Du so vor der Tür gestrandet bist?

Der Predigttext aus Matthäus 25
So ähnlich ist das beim Predigttext heute, der dem Lied von Philipp Nicolai zu Grunde liegt, das Johann Sebastian Bach wiederum in seiner Kantate weiter bearbeitet hat: Da stehen fünf junge Frauen vor verschlossener Tür und kommen nicht mehr rein. Sie waren auch ein wenig naiv – jedenfalls nicht so klug wie die anderen fünf. Und den Türcode haben sie auch nicht.
Und mit ihnen fragt man sich: Was genau haben diese fünf falsch gemacht, dass sie da so gestrandet sind mitten in der Nacht? Ich lese aus Matthäus 25. Jesus sagt:

1 Mit dem Reich der Himmel wird es sein wie mit zehn Brautjungfern, die ihre Fackeln nahmen und hinausgingen zum Haus der Braut. Sie wollten dem Bräutigam entgegen gehen.
2 Fünf von ihnen waren naiv, die anderen fünf waren klug.
3 Denn die naiven Brautjungfern nahmen zwar ihre Fackeln mit, aber kein Öl.
4 Die klugen Brautjungfern dagegen nahmen zusammen mit ihren Fackeln auch Krüge mit Öl mit.
5 Doch der Bräutigam verspätete sich. Die Brautjungfern wurden müde und schliefen ein.
6 Da entstand um Mitternacht ein großes Geschrei: ›Seht doch! Der Bräutigam kommt! Geht hinaus, ihm entgegen!‹
7 Da standen alle Brautjungfern auf und machten ihre Fackeln bereit.
8 Die naiven Brautjungfern sagten zu den klugen: ›Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen!‹
9 Aber die klugen Brautjungfern antworteten: ›Nein, das geht nicht. Das Öl reicht nicht für uns und für euch! Geht doch zu den Händlern und kauft euch selbst welches.‹
10 Die naiven Brautjungfern brachen auf, um Öl zu kaufen. Inzwischen traf der Bräutigam ein. Die klugen Brautjungfern, die vorgesorgt hatten, gingen mit ihm in den Hochzeitssaal. Hinter ihnen wurde die Tür geschlossen.
11 Später kamen die anderen Brautjungfern nach. Sie riefen: ›Herr, Herr, mach uns auf!‹
12 Aber der Bräutigam antwortete: ›Amen, das sage ich euch: Ich kenne euch nicht.‹

Beides steckt drin: Vorfreude und Gerichtsandrohung
Im Hoch- und Spätmittelalter, als sich die Menschen viel mit der Endzeit und dem nahenden Gericht beschäftigten, zählte dieses Gleichnis Jesu zu den beliebtesten Bibeltexten. Das sehen Sie vielen Kirchenportalen an, die damals errichtet wurden: Am Straßburger Münster und am Magdeburger Dom, in Notre-Dame in Paris, in Bern, Zürich, Worms und Erfurt – sie sind überall: Wenn Sie diese Kirchen betreten wollen, laufen Sie unter den 10 Jungfrauen durch, die dort in Stein gemeißelt sind. Fünf auf der einen Seite, fünf auf der anderen.
Denn dieses Gleichnis hat ja wirklich zwei Seiten: Für die klugen Brautjungfern ist dieser Abend der Aufbruch zum Fest Gottes, Jesu, des Bräutigams mit den Menschen. Im Brautzug machen sie sich auf den Weg. Im himmlischen Festsaal erwartet sie ganz Wunderbares. Eine Freude, die alles andere vergessen lassen wird!
Nur für die naiven Brautjungfern endet die Nacht im schamvollen Desaster. Ausgesperrt stehen sie im Dunkeln. Sie haben sich die Füße wund gelaufen. Umsonst. Die Tür ist zu!
Dieses Gleichnis Jesu hat beides: Vorfreude und Gericht. Zuckerbrot und Peitsche? Evangelium und Gesetz? Ist das eine Geschichte, die Vorfreude bereiten soll – oder Zähneklappern macht? – Sowohl als auch! Jesus will buchstäblich aus dem Häuschen bringen, in Bewegung versetzen, hinübertragen ins Himmelreich.
Wie? Dazu muss man der Frage nachgehen: Wann haben die fünf den entscheidenden Fehler gemacht, dass sie so vor der Tür gestrandet sind?

Wo war der Fehler?
Jesus erzählt, was damals in Israel Tradition ist: Wenn ein Paar heiratet, dann bleibt die Braut im Haus ihrer Eltern wohnen bis zum Tag der Hochzeit. An diesem Abend kommt der Bräutigam zum Haus der Brauteltern. Die Braut erwartet ihn im Haus – verschleiert. In Empfang genommen wird der Bräutigam vor dem Haus von den unverheirateten Freundinnen seiner Braut.
Weil es dunkel ist, tragen die jungen Frauen Gefäßfackeln. Darum – aber auch, weil die flackernden Flammen im hellenistischen Kulturraum ein Symbol der flammenden Liebe sind.
Diese Fackeln sind so groß und so hell, dass man sie nur im Freien verwenden kann – oder in sehr großen Räumen. Damit leuchten sie Braut und Bräutigam den Weg zum Festsaal, wo die Hochzeit begangen und gefeiert wird. So sollte es sein. Das ist die Tradition.

An drei Stellen erzählt Jesus die Geschichte anders. Und da wird aus ihr ein Gleichnis:
Zunächst als der Bräutigam viel zu lange ausbleibt. Das müssen Stunden sein, die er sich verspätet. Die Fackeln brennen nieder – und dadurch entsteht erst die Notwendigkeit für das, was normaler Weise nicht gebraucht wird: Mehr Öl!
Das ist dann die zweite Abweichung von der Tradition: Der Moment, als den naiven Brautjungfern klar wird, dass sie noch Öl brauchen. Daraufhin verlassen die fünf den Ort, an dem sie den Bräutigam in Empfang nehmen sollen, und gehen weg.
Und zuletzt ist da eben dieser tragische Moment vor verschlossener Tür. So sollte der Hochzeitszug nicht enden. Aber die fünf stehen im Dunkeln – und müssen sich vom Bräutigam noch sagen lassen: Ich kenne Euch nicht!

Beim ersten Hören denkt man spontan: Warum sind die fünf auch so naiv, so dumm, dass sie kein Öl dabei haben? Das ist doch der Punkt: Sie hätten besser vorbereitet sein müssen. Alles dabei haben.
Wachsam sein, hieße dann für uns heute – das lernen wir daraus: Passt auf, Gott, der Bräutigam kann jederzeit kommen. Seid immer gestiefelt und gespornt im Geiste. Bereit, in die Nacht hinauszugehen.
Aber – was ist das für ein Anspruch, jederzeit rundum vorbereitet zu sein? Was für ein Perfektionismus!? Was für eine Anspannung, unter diesem ständigen Erwartungsdruck der Nahparusie zu leben!?
Als Kirche immer Wächter auf der Zinne für alles, was sich bewegt in Politik und Gesellschaft. Nein!
Ich denke, der Fehler der fünf in diesem Gleichnis liegt woanders. Darauf will Jesus hinaus.

Als er ihnen an der Tür begegnet, sagt der Bräutigam: Ich kenne euch nicht! Ich habe keine Geschichte mit euch! Ich bin euch noch nie begegnet!
Der Bräutigam prüft nicht die Menge des Öls in den Fackeln. Nein, dass sie keine persönliche Beziehung zum Bräutigam haben, das wird den jungen Frauen zum Verhängnis. Das ist das Codewort an der Tür zum Festsaal: Ich kenne Euch!
Zwar sind sie ihm zuerst alle zehn entgegen gegangen. Aber dann verlassen die einen fünf den Ort der Begegnung. Sie lassen sich wegschicken, um Öl zu kaufen.

Ja, was hätten sie denn sonst tun sollen? Da bleiben! Mitgehen! Mitfeiern!
Anders als die funzeligen Öllämpchen auf dem Bild waren die Gefäßfackeln damals in Israel groß und hell genug für zwei. Ach, eine für alle zehn hätte zur Not gereicht.
Der Bräutigam muss sie ja nur finden. Dass sie ihm begegnen, wenn sie ihm entgegen gehen.
Aber die fünf gehen weg. Und begegnen Christus nicht, der mit ihnen zum Hochzeitsfest gehen will.
Kein Wunder, dass er sich hinterher nicht an sie erinnert. Als sie im Dunkeln stehen, da wird ihnen vielleicht klar: Das wäre der Türcode gewesen: Ich kenne Euch!

Das eigentliche Thema: Begegnung
Das Thema dieses Gleichnisses ist nicht Perfektion in permanenter Wachsamkeit. Es geht um Beziehung und Begegnung!
Eine Bekannte, die manchmal schneller redet als denkt, erzählte mir kürzlich, dass ihr Mann drei Tage auf Dienstreise war. Die Kinder und sie hatten ihn sehr vermisst. Gemeinsam hatten sie ein großes, buntes Willkommens-Schild gemalt, das sie an die Haustür hängen wollten. Aber dann kam ihr Mann früher als erwartet.
Der Schlüssel ging im Schloss, die Haustür öffnete sich – und die Bekannte begrüßte ihren Mann mit dem Satz: Warum bist Du denn schon da? Das Schild hängt noch nicht!
Ihr Mann fühlte sich nicht sonderlich willkommen geheißen. Und die Bekannte brauchte ein, zwei Minuten, um sich zu sortieren: Dass Ihr Mann ja wichtiger war als das Schild. Die Begegnung wichtiger als das Öl.

Der Türcode zum Königreich der Himmel lautet: Ich kenne Dich! Da ist es nicht so wichtig, ob unser Glaube, unsere Ethik, unsere Lebensführung hell leuchtet.
Der Blick in die Richtung, aus der der Bräutigam kommt, ist wichtig. Und da zu bleiben, um Gott zu begegnen.

Anders als erwartet
Liebe Schwestern und Brüder, so ist das oft mit Bibeltexten, wenn man sich eingehend mit ihnen beschäftigt: Man erwartet einen Kommentar zur Bundestagswahl – und landet bei sich selber. Weil sich herausstellt: Der Text ist anders, wird aber dadurch nicht einfacher. Das ist Lernen an Gottes Wort.

Das Gleichnis Jesu ist anspruchsvoller geworden. Denn den ethischen Ölvorrat aufzustocken ist zu handhaben wie eine Checkliste:
Du sollst nicht töten – Check!
Du sollst nicht stehlen – Check!
Du sollst nicht lügen – Check!
Aber Jesu Anspruch ist es, dass wir Gott begegnen. Eine Beziehung zu ihm aufbauen – und sie mit Leben füllen.
Und Sie kennen das, in Beziehungen kommen Checklisten nicht gut an.
Blumenstrauß für Ehefrau gekauft und überreicht – muss jetzt glücklich sein! CHECK?!?
Dann noch einen Kuss gegeben – war immer noch nicht glücklich! Check?!? Mmmmh! Schwierig!
Aber mal ehrlich, wie machen wir das bei Gott: Getauft, konfirmiert, Kirchensteuer gezahlt, ab und zu im Gottesdienst gewesen – Check?!
Nein, kein Check. Nicht abgehakt. Denn die Frage an der Tür zum Festsaal ist nicht die nach dem ethischen Ölvorrat, sondern sie lautet: Bist Du mir begegnet? Kenne ich Dich?

Das Gleichnis Jesu fordert uns auf und fordert uns ab, Räume zu schaffen, wo Gott, wo Jesus uns begegnen kann:
Das kann der Gottesdienst sein als Oasenzeit in der Woche, in der ich frei und absichtslos ihm entgegen schauen kann.
Das kann sein im Hören geistlicher Musik.
In der Meditation. Im Zeitnehmen für die Begegnung mit Gott.
Selber in der Bibel lesen. Regelmäßig. Und an Gottes Wort lernen.
Persönliche Stille-Zeiten, in denen wir uns Gott hinhalten.
Und ihm entgegen gehen.
Um ihn als Bräutigam zu empfangen.
Dass er uns mitnimmt in den Festsaal.
Ins himmlische Jerusalem.
Ins Königreich der Himmel.

Der Tür-Code lautet: „Ich kenne dich. Wir sind uns schon begegnet.“
Das macht Mut, die Gegenwart Gottes zu suchen und zu genießen, wann immer sie uns begegnet. Amen.

Diese Predigt hielt Pfarrer Dr. Stefan Heinemann im Kantatengottesdienst am 24. September 2017.