Ey Du! Ich kenn Dich!
Jenny Gechert

Liebe Gemeinde,

wie ist es um Ihr Namensgedächtnis bestellt? Fällt es Ihnen leicht, sich zu merken wie eine Person heißt, auch dann, wenn sie vielleicht länger nichts miteinander zu tun hatten? Oder gehören Sie eher zu der Gruppe von Menschen, die sich zwar Gesichter gut, Namen dafür aber sehr schlecht merken können?

Bei mir ist es schon von Berufswegen her wichtig, dass ich mir Namen merke. Im Konfirmandenunterricht zum Beispiel. Da bemühe ich mich immer sehr, die Namen der Jugendlichen möglichst schnell zu kennen. Zum einen, weil ich sie natürlich viel gezielter ansprechen und bei Bedarf zur Ordnung rufen kann 😉 zum anderen aber, und das ist der wichtigere Grund: Weil es die zwischenmenschliche Verbindung stärkt. Es ist einfach so viel persönlicher und zeugt von Wertschätzung, wenn ich eine Person bei ihrem Namen nennen kann. Denn wer von uns wird schon gerne mit „Ey, Du!“ angesprochen?! Werde ich aber bei meinem Namen genannt, dann merke ich, mein Gegenüber hat sich mit mir beschäftig. Er hat sich meinen Namen gemerkt. Sie kennt mich. Das ist wichtig und tut vermutlich jedem von uns gut.

In diesem Gottesdienst feiern wir die Taufe von Marta Scheid und Anni Gechert. Und auch hier spielt der Name in zweifacher Weise eine wichtige Rolle. Im Lesungstext vorhin ist es zum Teil schon angeklungen:

„Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

Gott spricht uns an. Wir sind gemeint! Er sagt nicht einfach „Ey, Du!“ sondern er nennt uns beim Namen. In der Taufe geht es um unsere persönliche Beziehung zu Gott. Um sein „Ja“ zu uns. Seine bedingungslose Liebe, die jedem Menschen von Anfang an gilt.

Gott kennt uns wie kein zweiter und wenn wir taufen, dann taufen wir auf seinen Namen. Auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, um öffentlich zu bezeugen, das ER es ist, der unser Leben in den Händen hält und dem wir uns, und unsere Kinder, anvertrauen.

Vom Augenblick der Taufe an, gehört ein Mensch ganz offiziell zur weltweiten Gemeinschaft der Christen, die Gott als den Herrn in ihrem Leben anerkennen und sich in die Nachfolge Jesu Christi stellen. Auch Babies und kleine Kinder, die noch gar nicht selbst bezeugen können, dass Gott in ihrem Leben eine Rolle spielen soll und die sich auch nicht bewusst in die Nachfolge Christi stellen können, gehören als Getaufte dieser Gemeinschaft an. Auch ihnen gilt Gottes Liebe und die feste Zusage seiner Begleitung. Und es ist unsere Aufgabe als Eltern, Paten und Gemeinde, den Kindern diesen Gott nahe zu bringen. Ihnen vorzuleben, was es heißt, als Christ und Christin, in der Nachfolge Jesu zu stehen.

In der Nachfolge dessen, der als Sohn Gottes selbst Mensch geworden ist. In dessen Person uns Gott selbst begegnet und der uns gezeigt hat, was es heißt zu Gott zu gehören, als Gottes Kind zu leben. Mit allen Höhen und Tiefen. Mit allen Konsequenzen.

Jesu Leben war alles andere als unkompliziert. Auch war es wohl sicher nicht unbedingt das, was wir heute als „schön“ bezeichnen. Ich gehe zwar schon davon aus, dass Jesus durchaus auch zahlreiche glückliche Momente erleben durfte, in denen er sich wohl und am richtigen Platz gefühlt hat, doch das, was immer oben auf liegt, wenn wir von Jesus sprechen, ist seine Zeit des Leidens. Die vielen Anfechtungen und Demütigungen. Durch Worte und durch Taten. Ja, an seinem Leben können wir ohne Zweifel erkennen, dass auch ein Leben im Vertrauen auf Gott nicht vor Schwierigkeiten, Krisen und Leid geschützt ist.

Und doch lehrt uns Jesu Leben eben auch, das es dennoch lohnt, an Gott festzuhalten. Auch dann, wenn uns das Wasser gerade bis zum Hals steht und wir uns von aller Welt und auch von Gott verlassen fühle. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“, das fragte auch Jesus, in der wohl dunkelsten Stunde seines Lebens, am Kreuz. Doch Gott hat ihn nicht verlassen. Zu keinem Zeitpunkt. Und er wird auch uns nicht verlassen!

Denn Gott liebt uns. Jeden und jede einzelne. Völlig egal ob getauft oder nicht. Seine Liebe gilt vorbehaltlos allen Menschen und knüpft sich nicht an irgendwelche Bedingungen. Für Gott sind wir alle wertvoll. Er kennt uns so gut wie kein anderer. Weiß um unsere Schwächen und Stärken. Kennt unsere Nöte und Ängste.

Er nimmt an unserem Leben Anteil und es ist ihm bewusst, wie schwer wir so manches Mal an diesem Leben zu knabbern haben und wie schnell uns die Furcht dabei auch immer wieder gefangen nehmen kann.

Wir fürchten uns vor Krankheiten, vor Arbeitslosigkeit, vor Streit, Zerrüttung und Einsamkeit, vor Terror, Krieg und davor, dass die Welt einfach immer mehr aus den Fugen gerät.

Aus diesem Strudel der Angst will Gott uns befreien wenn er uns das zusagt, was wir vorhin in der Lesung gehört haben:

1 „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!

2 Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, und wenn du durch Ströme gehst, sollen sie dich nicht ersäufen. Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen, und die Flamme wird dich nicht versengen.

3 Denn ich bin der Herr, dein Gott, der Heilige Israels, dein Heiland.“

Gott macht absolut keinen Hehl daraus, das uns das Leben immer wieder vor unbequeme Herausforderungen stellt. Er spricht von Wasser und Feuer. Die beiden Elemente, die in der alten Welt die Summe aller Bedrohungen darstellten, vor denen ein Mensch sich fürchten konnte. Es ist also klar: Das Leben ist kein Sonntagsspaziergang, auch nicht mit Gott an unserer Seite. Doch wenn wir uns an ihm fest machen, wenn wir ihm und seinem Wort Glauben schenken und auf das vertrauen, was wir durch Jesu Leben erfahren haben, nämlich das Gott stärker ist als alle anderen Mächte die uns umgeben und das auch der Tod keine Chance gegen ihn hat, dann haben wir keinen Grund mehr uns vor dem zu fürchten, was uns hier auf Erden widerfahren kann. Denn wir wissen: Egal was kommen mag, wir können niemals tiefer fallen, als in Gottes Hand.

Das hat er uns zugesagt. Das ist sein Geschenk an uns Menschen. Das haben wir durch Jesus Leben und Wirken erfahren dürfen und das ist es, was wir unseren Kindern weitergeben müssen. Wir sollten versuchen, ihnen diesen Jesus nahe zu bringen. Ihnen ihn „lieb zu machen“. Das sie eines Tages, wenn sie selbst dafür einstehen können, mit ihrem „Ja“ auf Gottes „Ja“, antworten.

Wenn wir als Eltern heute unsere Töchter Marta und Anni zur Taufe bringen, dann bezeugen wir, dass wir genau das tun wollen. Und wir bitten Gott, dass er uns dabei zur Seite stehen möge.

Denn wir wissen nicht, was unseren Kindern im Leben widerfahren wird. Wir wissen auch nicht, ob sie sich später ein Leben als Christinnen vorstellen können. Vielleicht fällt es ihnen schwer zu glauben, was wir ihnen von Gott erzählen. Vielleicht fühlen sie sich fremd in dieser Religion. Vielleicht wird ihnen die Gemeinde ein Zuhause. Wir wissen es nicht.

Wir wissen auch nicht, wie es in unserem Leben weitergehen wird. Keiner von uns kann sagen, dass er immer fest im Glauben verwurzelt bleiben wird. Wir alle haben sie schon erlebt, die Höhen und eben auch die Tiefen des Glaubens. Mal schäume ich fast über vor Euphorie und mal frage ich mich, ob das alles wirklich einen Sinn ergibt. Das ist normal.

Doch in all dem Ungewissen und Unverfügbarem, gibt es eines, was wir ganz sicher wissen: Nämlich, dass uns die Taufe Zeit unseres Lebens erhalten bleiben wird. Ganz gleich, wie nah oder fern wir uns Gott fühlen, die Taufe bleibt für immer bestehen und sie erinnert immer wieder daran: Da ist einer, der liebt mich und der geht mit mir. Ganz egal, was ich gerade tue oder lasse.

Da ist einer, der glaubt an mich, auch dann, wenn ich im Moment vielleicht nicht einmal mehr selbst an mich glaube.

Da ist einer, der hofft auf mich. Der weiß was ich kann und der will immer wieder alle guten Kräfte in mir stärken, damit ich mein Potential ausschöpfe.

Ja, da ist einer, der kennt mich. Und der vergisst meinen Namen nie. Auch dann nicht, wenn wir über Jahre nichts miteinander zu tun hatten. Amen

Predigt von Jenny Gechert, gehalten am 30.07.17