Der Blick hinter die Fassade
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Liebe Gemeinde,

so schnell geht das. So schnell wird man abgestempelt, ausgegrenzt. So schnell wird ein Urteil über einen gefällt.

Der Junge, den wir gerade gesehen haben, hatte noch nicht einmal ansatzweise die Gelegenheit zu zeigen, wer und wie er wirklich ist. Allein auf Grund seiner Kleidung wird er in eine Schublade gesteckt und nicht für wert erachtet, dass man sich mit ihm ernsthaft auseinandersetzt.

“Na gut, komm rein. Aber setzt Dich wenigstens nach ganz hinten. In die letzte Reihe!”

Leider ist mir ein solches Verhalten, wie wir es gerade gesehen haben, gar nicht mal so fremd.

Ich muss 16 oder 17 Jahre alt gewesen sein, da fuhr ich mit dem Zug von Waren an der Müritz nach Chemnitz in Sachsen. Es war Pfingsten. Ich hatte schulfrei und wollte meinen Vater besuchen. Am Leipziger Hbf musste ich umsteigen. Bereits im Zug waren mir einige, ausschließlich in schwarz gekleidete Personen aufgefallen, doch ich dachte mir zunächst nichts weiter dabei. Zwar fand ich die Frauen und Männer in ihren langen schwarzen Samtkleidern und Ledermänteln durchaus seltsam, aber solange sie mir nicht zu nahe kamen war ja alles gut. Was mich dann allerdings am Leipziger Hauptbahnhof erwartete, darauf war ich nicht gefasst. Der ganze Bahnhof war schwarz! Überall Menschen mit blasser Haut, schwarzen Haaren und langen schwarzen Gewändern. Was war das?! Ein Satanistentreffen? Wohin mein Auge blickte – nur Grufties! Da wurde mir nun aber doch mulmig zu Mute. Denn eines stand fest: Wer so aussieht, der kann ja nicht ganz normal sein. Für mich gab es nur ein Ziel: Möglichst schnell und ohne unnötigen Kontakt mit diesen Menschen den anderen Bahnsteig und meinen Zug erreichen.

Von meinem Vater erfuhr ich später, dass jedes Jahr an Pfingsten in Leipzig das „Wave and Gothik – Treffen“ stattfindet. Ein Musik- und Kulturfestival der Alternativen und Schwarzen Szene. Ah ja, okay. Hatte ich also doch Recht. Vielleicht keine Satanisten, aber auf jeden Fall sehr spezielle Menschen, die alle etwas düster drauf sind und denen man besser nicht allein im Dunkeln begegnen möchte. Ich hatte meinen Standpunkt gefunden und hakte dieses Thema ab.

Ich hatte mein Urteil gefällt. Genau so, wie die Personen eben im  Anspiel: „Um Gottes Willen. So läuft man doch nicht rum und man geht erst recht nicht in einem solchen Aufzug in eine Kirche!“

Doch woher hatte ich meine Meinung? Ich kannte diese Menschen ja gar nicht. Wusste nicht, was sie dazu bewog, sich so zu kleiden. Kannte keinerlei Hintergründe dieser Szene. Das Einzige, was ich wirklich wusste war, dass mir das Äußere dieser Menschen mehr als suspekt war. Das es mir nicht passte wie sie rumliefen. Sie waren ganz anders als die Allgemeinheit. Ganz anders als das, was ich gewohnt war. Das reichte mir, um mich festzulegen.

Vielleicht fallen Ihnen jetzt ja auch Situationen ein, wo sie Ihr Urteil über einen Menschen schnell und ohne groß nachzudenken gefällt haben. Wo Äußerlichkeiten dafür sorgten, dass Menschen abgestempelt und in Schubladen gesteckt wurden. Tätowiert, gepierct, gar keine oder knallbunte Haare… Um Gottes Willen! Da halten wir mal besser Abstand!

Um Gottes Willen?! Ist das Gottes Wille? Das wir Menschen nach ihren Äußerlichkeiten kategorisieren und dann darüber entscheiden, ob wir uns ihnen zu oder uns doch besser von ihnen abwenden? Das wir sie verurteilen, nur weil sie anderes sind, und nicht dem entsprechen, was in unseren Augen „normal“, also gut und richtig ist?

Da habe ich doch starke Zweifel!

Denken wir doch mal darüber nach, wie Jesus mit den Menschen umgegangen ist. Welchen Menschen er sich überhaupt zugewandt hat. Waren das die Reichen und Schönen? Die, bei denen alles glatt lief. Denen alles nur so in den Schoß fiel und die sich in Anerkennung sonnten?

Nein, es waren die, die am Rand standen. Abseits. Von der Gesellschaft ausgegrenzt. Die Gescheiterten, die Kranken, die „Exoten“.

Im Jesus Film, den wir jedes Jahr mit den Konfis gucken, gibt es dazu eine ganz besonders eindrückliche Stelle: Nachdem Jesus die Ehebrecherin von ihrer Schuld losgesprochen hat blick Maria Magdalena ihn an und sagt: „Du hast sie behandelt als sei sie etwas wert.“ Darauf entgegnet Jesus ihr: „Und das bist DU auch.“

Und das bist DU auch! In Gottes Augen ist jeder Mensch wertvoll.  Ganz gleich ob groß oder klein, dick oder dünn, Volksmusik- oder Metallfan, in Markenklamotten oder in Lumpen gehüllt. Gottes Liebe gilt jedem Menschen. Bedingungslos. Denn Gott, blickt hinter die Fassade. So, wie es im 1. Samuel 16,7 geschrieben steht: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Der HERR aber sieht das Herz an.“

Das ist es, was Gott will. Das ist Gottes Willle: Das wir hinter die Fassade blicken. Den Menschen wahrnehmen. Den oder die kennen lernen, die sich hinter der Schminke und unter den Klamotten verbirgt. Und das ist die schwerste Aufgabe überhaupt. Denn sie fordert uns dazu heraus, Grenzen, Scham und Ängste zu überwinden. Über den eigenen Schatten zu springen, unsere Komfortzone zu verlassen.

Heute am Buß- und Bettag geht es genau darum. Wir sind eingeladen und zugleich herausgefordert, unsere Komfortzone zu verlassen. Uns selbst auf den Prüfstand zu stellen und danach zu fragen: Wo stehe ich? Wo ist es mir gelungen, Gottes Willen zu folgen und wo bin ich gescheitert. Wo habe ich Menschen vorschnell be- und verurteilt? Wo habe ich mich von Äußerlichkeiten leiten lassen und mir nicht die Mühe gemacht den Menschen ins Herz zu sehen? Wo habe ich Gottes Willen total verfehlt und mich dadurch von ihm entfernt?

Gott weiß um unsere Schwächen. Er kennt unser Herz, blickt hinter unsere Fassade. Und er lädt uns ein, ihm offen und ehrlich gegenüber zu treten. Er ermutigt uns dazu, uns unsere Irrtümer und Fehltritte einzugestehen und bei Seite zu schaffen, was uns von Gott trennt. Damit der Weg zu ihm wieder frei ist und wir wieder offen für seine unendliche Liebe.

Ja, Gott ist bis über beide Ohren verliebt in uns und genau deshalb spielt alles Äußerliche für ihn auch keine Rolle, denn er sieht einzig und allein den Menschen in uns. Unser Innerstes. Das Herz. Unsere Seele.

Wer schon einmal so richtig verliebt war, der weiß wovon ich spreche. Wer liebt, der sieht über so Vieles hinweg. Die größte Hackennase wird plötzlich zuckersüß und die schmatzenden Essgeräusche zur angenehmen Hintergrundmusik. Dinge, die uns sonst vielleicht stören oder gar abstoßen würden, werden zur Nebensache. Weil sie eben genau das sind – nebensächlich!

Das ist Gottes großer Wunsch an uns – das wir lernen, unsere Mitmenschen durch die liebenden Augen Gottes zu sehen.

Denn diese Liebe deckt „alle Übertretung zu“, wie es im Buch der Sprüche heißt. Diese Liebe macht uns frei. Sie besiegt all unsere Verfehlungen. Unser Lästern, unsere schlechten Gedanken. Unsren Egoismus, unser Misstrauen und unsere Zweifel.

Und sie befähigt uns, unseren Mitmenschen gegenüber auch Liebe zu üben. Denn Gott ist die Liebe und weil er uns liebt, können auch wir einander lieben. Lieben um Gottes Willen!

Diese Predigt hielt Prädikantin Jenny Gechert

zum Buß- und Bettag 2017